Neue Digitale Medienwelt

12. September 2018
von Stefan Westphal
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Besserer Online-Journalismus: Die sieben besten Crossmedia-Stories 2018

Die Online News Organisation (ONA) vergibt jährlich die Online Journalism Awards. Die meisten der nominierten Veröffentlichungen nutzen inzwischen Darstellungsformen, die der erwarteten User Experience digitaler (Smartdevice) Nutzer entgegenkommen: sie sind crossmedial, interaktiv, und teils personalisiert. Hier sind die sieben Nominierten, die es 2018 meiner Meinung nach am besten machen. Die Leuchttürme des Online-Journalismus:

Im englischsprachigen – und inzwischen auch im spanischsprachigen – Raum setzt sich bei traditionellen Medienunternehmen der Digital First – Gedanke immer mehr durch. Veröffentlichungen werden zunächst mal aus der digitalen Sichtweise produziert, und dann auf den klassischen Veröffentlichungsweg wie Zeitung oder TV Sendung transformiert.

Das hat eine immense Steigerung der digitalen Qualität zur Folge. Während bei den Awards vor zwei Jahren crossmediale Formen noch nicht in der Mehrheit waren, prämiert die Jury nun Veröffentlichungen, die nicht nur hervorragend recherchiert sind (ein wichtiger Faktor bei der Preisvergabe), sondern sich so weit wie möglich dem erwarteten Nutzungserleben – also der User Experience – anpassen. Der reine Text hat ausgedient. Viele Bilder, gelegentliche Interaktionen und auffallend viele Audiostücke als Teil nahezu jeder Veröffentlichung, das ist die Bilanz im Pool der Nominierten 2018. Die Gewinner werden am 18. September 2018 bekannt gegeben.

Der deutsche Online-Journalismus sieht alt aus – im wahrsten Sinne des Wortes

Wenn man die Nominierten mit dem deutschen Gegenstück zu den Online Journalism Awards vergleicht – den Grimme Online Awards – , wird eins deutlich. Der deutsche Onlinejournalismus steckt irgendwo zwischen Newsletter, Textlawine und netten Instagram-Spielereien fest. Online – spezifische Veröffentlichungen sind selten, und wenn erreichen sie meist nicht einmal mehr die Qualität, die es zwischen 2014 und 2016 auch im deutschsprachigen Raum schon gab.

Die Gründe dafür sind sicherlich vielfältig. Klar ist aber auch, dass die Investitionen in digitale Erzählformen, die sich vor allem die US und UK-Medienhäuser seit gut fünf Jahren leisten, inzwischen große Früchte tragen. Die Veröffentlichungen erreichen nachhaltiger ihr Publikum. Das zahlt sehr stark auf die Marke des Medienhauses ein. Und konvertiert inzwischen sehr gut in zahlende, treue Kunden.

Wir können im deutschen Online-Journalismus noch so viel lernen. Wenn wir zum Beispiel diese Nominierten als Referenz nehmen:

Scrollytelling und beeindruckende Bilder: Highway of riches, road to ruin

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Screenshot aus dem interaktiven Werk “Highway of riches, road to ruin”

Die Journalistin Stephanie Holen und der Fotograf Aaron Vincent Alkaim fuhren für die Zeitung  „The Globe and Mail“ die 2000 Kilometer lange Landstraße BR-163 quer durch das brasilianische Amazonas-Gebiet – dort, wo Interessen der Wirtschaft auf Ureinwohner und Naturschützer treffen.

Die starken Fotografien und Protagonisten tragen die Reportage. Der Text bleibt meist kurz. Die Interaktion erlaubt dem Nutzer sein eigenes Nutzungstempo und gibt genügend Raum, über die Inhalte nachzudenken – ohne den Anschluss zu verlieren. 

Diese Reportage belegt für mich am besten, wie man ohne zusätzlichen Aufwand in Produktion und Recherche aus einer zehnseitigen Magazinreportage ein noch viel wirkungsvolleres Onlineformat gestalten kann. Denn: es gibt schon seit langem genügend Content Management Systeme, die Darstellungsformen wie diese leicht beherrschen.  Selbst WordPress kann das 🙂

Gameification: The Uber Game

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Screenshot aus “The Uber Game”

Ein einfaches, interaktives Klick-Spiel der Financial Times, in dem man sich in das Leben eines Uber-Fahrers hineinversetzt, der innerhalb einer Woche 1000 $ verdienen muss. 

Journalismus und Gameification funktioniert großartig, wenn man die Inhalte wirklich nachfühlbar machen will. Technologisch ist die Umsetzung vergleichsweise einfach – es erinnert an die Textadventures auf den frühen Heimcomputern (nur mit schönerer Grafik). Die Wirkung der Geschichte ist beeindruckend.

Interaktiver Datenjournalismus: Bussed Out

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Screenshot von “Bussed Out” des Guardian.

Einige US Städte haben eine aus unserer europäischen Sicht befremdliche Art, mit Obdachlosen umzugehen: sie schenken ihnen Bustickets und sogar Flüge – Hauptsache, die Obdachlosen sind weg aus der Stadt. 

Wie man daraus eine beeindruckende, auf Datenjournalismus basierende Geschichte macht, zeigt der Guardian. Die Redaktion hat sehr viel investiert: 18 Journalisten recherchierten 18 Monate lang.

Entsprechend detailreich sind die vielen unterschiedlichen Grafiken animiert und interaktiv nutzbar. Dazu kommen vor allem mit O-Ton Audio erzählte Schicksale einzelner Obdachloser. Interessanterweise nutzt das Guardian-Team trotzdem technisch ein hierfür Videoformat, obwohl eigentlich nur ein stehendes Bild des Protagonisten gezeigt wird.

Immersiv und Interaktiv: The Last Generation

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Screenshot aus der interaktiven Dokumentation “The Last Generation” des TV Magazins Frontline.

Die Marshall Inseln im Pazifik werden in den nächsten Jahrzehnten im Meer versinken. Schuld ist der Klimawandel. Der interaktive Film des (klassischen) TV Magazins Frontline begleitet drei Kinder, die zur letzten Generation gehören, die auf den Inseln leben können – und wie sie sich schon heute auf das Ende ihrer Heimat vorbereiten.

Das Frontline – Team nutzt kurze Gespräche mit den Protagonisten, angereichert mit Eindrücken von den Inseln, Filmmaterial der letzten verheerenden Flut und interaktiven Grafiken. Alles ist Umrahmt von einem filmunabhängigen Musikbett. Das ist ein wesentliches Element, um die Story zusammenzuhalten.

Beim Betrachten entsteht eine unglaublich große Nähe zu den Protagonisten – viel mehr als in jeder klassischen TV Reportage. Trotzdem bleibt die Geschichte weitgehend linear, und nutzt so nur einen Teil der heute vorhandenen digitalen Erzählmöglichkeiten aus. So funktioniert Online-Journalismus sehr gut, wenn er von einem TV-Team erdacht wird.

Crowdrecherche und echte Non-Linearität: Staatsanwalt Nisman’s abgehörte Telefongespräche

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Screenshot mit dem Beispiel eines Audioplayers

1994 gab es in Argentinien einen verheerenden Anschlag auf die jüdische Organisation AMIA mit 85 Toten und hunderten Verletzten. Der Staatsanwalt Alberto Nisman entdeckte bei den Ermittlungen offenbar eine Verbindung zwischen den Attentätern – mutmaßlich aus dem Iran – und der ehemaligen Argentinischen Präsidentin Christina Kirchner. Nur Stunden bevor Nisman vor dem Parlament zu seinen Ermittlungen aussagen sollte, wurde er ermordet

Unter anderem hinterließ er die Aufnahmen von 40.000 abgehörten Telefonaten. Die Zeitung La Nación aus Buenos Aires nutze Crowdsourcing mit ihren Lesern, um alle Telefonate nach relevanten Informationen zu durchsuchen. Am Ende stehen 200 Audioaufnahmen von verdächtigen Telefonaten, durch die sich der Nutzer selbst klicken kann. Das funktioniert offenbar besonders gut begleitend zum Prozess, der derzeit in Argentinien läuft. 

Auch, wenn man kein Spanisch versteht – die Authentizität der Inhalte und die Darstellung ist bemerkenswert – und wäre ohne crossmediales Storytelling unmöglich.

Geld verdienen mit crossmedialen Erzählformen: Olympische Winterspiele 2018 / King Of The Hill

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Screenshot aus “King Of The Hill”

Die Nationale Filmförderung finanziert schon seit fast zehn Jahren interaktive digitale Erzählformen – entsprechend verbreitet und auf qualitativ hohem Level ist das moderne Erzählen in Kanada. Genauso wie beim oben erwähnten „Highway of riches“ ist die Zeitung „The Globe And Mail“ aus Toronto Produzent bei diesem Stück zu den Olympischen Winterspielen 2018.

Insgesamt produzierte die Zeitung zu 30 kanadischen Athleten crossmediale Kurzformen, die überwiegend auf kurzen Videosequenzen, Interviews und Erklärgrafiken basieren (unverkennbar auf dem Content Management System, das auch bei Highway To Riches – das ich am Anfang dieses Textes beschrieben habe – verwendet wird).

Hier kommt das Besondere: Die Serie hat einen klaren Dreh zur Monetarisierung und Conversion. Denn am Ende eines jeden Stücks bleibt beim Rezipienten das Gefühl der Faszination, wie schnell man so dicht an die Sportler herangekommen ist. Und mit einem Klick auf das Registrieren (ja, und es geht wirklich schnell, das zu tun) kann man auch alle anderen 29 Stories sehen.

So zahlen diese crossmediale Produktionen im Online-Journalismus direkt auf das Unternehmen ein: Flow beim Nutzen, Selbstwirksamkeitsgefühl, auf dem emotionalen High kann man durch das Abschließen des Abos mehr davon bekommen, ohne die Enttäuschung des Cliffhangers zu haben. Perfekt.

Die New York Times ist ebenfalls mit einer Winter Olympics – Produktion in dieser Kategorie nominiert. Es lohnt sich der direkte Vergleich. Ich denke, die Unterschiede in der User Experience werden schnell deutlich. Siehe:https://www.nytimes.com/interactive/2018/02/08/sports/olympics/mikaela-shiffrin-alpine-skiing.html

Allerdings ist auch klar, das selbst die Produktion aus New York das Niveau wohl aller deutschen crossmedialen Produktionen im Online-Journalismus der vergangenen Jahre deutlich toppt.

Text vs. Interaktiv: Leaving Tracks

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Screenshot aus Leaving Track

Für studentische Projekte schreibt die ONA regelmäßig einen Sonderpreis aus. In diesem Jahr liefert ein Projekt der Walter Cronkite School of Journalism and Mass Communication in Phoenix, Arizona, einen wunderbaren Vergleich zwischen traditionellen und interaktiven Darstellungsformen.

In dem kurzen Stück geht es um Wildhüter in Arizona, die Wölfe ansiedeln wollen. Die Geschichte wird zunächst interaktiv erzählt, am Ende erscheint dann der Link zur klassischen Textversion. Ein guter Vergleich, wie beide Formen wirken.

An diesem Projekt wird auch ein Problem der interaktiven Darstellungsformen deutlich, das uns rücksichtslose Werber eingebrockt haben. Seit einigen Monaten sperren die meisten Browser das automatische Abspielen von Multimediainhalten auf Websites – oder schalten zumindest den Ton stumm. Das ist die sogenannte Autoplay-Sperre. Grund dafür waren Onlinebanner, die ungefragt lauthals ihre Werbebotschaften im Video und Audio rüberbringen wollten.

Nun muss man also bei vielen crossmedialen Stories zunächst irgendwo klicken, damit die Multimediainhalten automatisch gestartet werden können. Deshalb wirkt das Projekt Leaving Tracks zunächst einmal wie eine recht sinnbefreite Fotoshow – bis man die Audio-Schaltfläche rechts oben gefunden und zweimal geklickt hat.

Daran müssen die Entwickler noch arbeiten…

22. August 2018
von Stefan Westphal
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Das Codonaut Experiment – eine künstliche Intelligenz erzählt von sich

Wie verändern sich Journalismus und Kommunikation durch neues Mediennutzungsverhalten. Wie kann man Geschichten nun “besser” erzählen. Damit beschäftige ich mich seit mehr als sechs Jahren beruflich. Nun kommt ein neuer Aspekt hinzu. Der Teil, der in meinen bisherigen Arbeiten immer ein wesentlicher Teil der Theorie war. Eine praktische Umsetzung kannte ich jedoch nicht. Bis vor ein paar Wochen. Aus diesem für mich neuen Wissen wird nun ein Projekt. Der Codonaut.

Das sich das Mediennutzungsverhalten durch die Digitalisierung geändert hat (und immer weiterentwickeln wird) ist unbestritten. Smartdevices und die Art, wie deren Apps entwickelt und optimiert werden, erzieht die Nutzer zu einem anderen Verhalten und damit auch zu anderen Erwartungen – zu der User Experience, die sich nicht mehr mit der analogen Medienwelt vergleichen lässt und viel mehr umfasst als “nur” das Layout oder die Distribution von Inhalten.

Gegenwärtig gute digitale Inhalte sind non-linear, im besseren Falle interaktiv und im besten Fall personalisiert. Gerade die Frage, wie man einzelne Geschichten in ihrer Gesamtheit auf die Bedürfnisse der Nutzer*Innen praktisch mit vertretbarem Aufwand für Autoren personalisieren kann, blieb für mich jedoch lange ungeklärt. Denn: auch, wenn man eine Geschichte digital interaktiv gestaltet, folgt sie der Linie und der Tiefe, die der Autor irgendwann einmal zuvor festgelegt hat. Unterschiedliche Tiefen von Inhalten ließen sich in non-linearen Formen nur abbilden, wenn der Nutzer selbst bewusst die Entscheidung trifft, in welche Tiefe er gehen will. Das  verlangt aber in dem Moment, in dem man sich als Nutzer für den nächsten Weg entscheiden will, eine Loslösung von der Geschichte und eine Selbstreflexion.

Leider zerstört dieser Vorgang die Chance auf das Höchste, was man sich als Autor wünscht: das die Nutzer*Innen in eine Flow kommen. Wie bei einem fesselnden Buch. Oder einem außergewöhnlichen Feature, bei dem man mit allen Sinnen in eine Erzählung eintauchen kann.

Personalisierung ist schon lange möglich

Der Zufall brachte mich zu einer Lösung, die es in Wahrheit schon seit seit fast 20 Jahren gibt, von der ich aber bis zum Frühjahr 2018 noch nie gehört hatte. Gefunden habe ich sie in einem ziemlich in die Jahre gekommenen Haus in Berlin, genau auf der Grenze zwischen Kreuzberg und Neukölln. Eben dort, wo schon immer echte Berliner Kreativität tobte. (Und genau dort, wo Ton Steine Scherben unweit des legendären Mariannenplatzes ihren Rauch-Haus-Song aufgenommen haben, aber das nur am Rande für die Älteren oder musikhistorisch interessierten unter uns … )

Der Eingang zum Korsakov-Institut. 

Ich lernte dort Florian Thalhofer kennen. Er ist Dokumentarfilmer, Medienkünstler, und hat schon vor gut 20 Jahren für seine Diplomarbeit eine Software erfunden, die dem Nutzer erlaubt, einen eigenen Weg durch eine “Raum voll Inhalt” zu gehen. Florian dachte – so wie ich in meiner Arbeit – das Inhalte nicht mehr als Ganzes verstanden werden sollten, sondern als ein Raum einzelner Inhaltsblöcke, die Wiederrum über Verbindungen in sinnvolle Kontexte gestellt werden.

In etwa so, wie das Gehirn in seiner Funktion häufig dargestellt wird. Mit den Nervenzellen – den Inhaltsblöcken – die über Nervenbahnen – den unterschiedlichen Wegen durch alle Inhaltsblöcke – verknüpft sind. Dabei ist diese Verbindung keine lineare von einem definierten Anfang und einem definierten Ende. Ein Inhaltsblock kann über viele verschiedene Bahnen mit vielen anderen Inhaltsblöcken verknüpft sein.

Alles klar? (ja, das klingt im ersten Moment kompliziert, ist es aber eigentlich gar nicht. Man muss sich nur kurz die Zeit nehmen, darüber nachzudenken).

Interaktiver Journalismus ein Mittel gegen Populismus?

Im Laufe der Zeit und vermutlich vielen intensiven Diskussionen entwickelte Florian hieraus eine eigene Philosophie. Eine der Kernaussagen: die Art, wie die Menschen seit der Dominanz von Hollywoodfilmen erzogen werden, Geschichten zu erleben, macht all die bösen Auswüchse der Gegenwart wie Poplulismus, Angstbesessenheit und Überemotionalisierung erst möglich. Florian hat das in einer Keynote beim iDocs-Festival in Bristol erklärt.

Florian Thalhofer beim iDocs – Festival in Bristol

Wer sich die unterhaltsamen und geistesöffnenden 25 Minuten nicht ansehen möchte, hier die Zusammenfassung aus meiner Sicht. Die klassischen Methoden des “Storytellings” – kultiviert von der Art, wie in Hollywood Geschichten erzählt werden – benötigen eine Polarisierung. Den Helden und den Antihelden. Die These und die Antithese. Das good and bad.

Das hat aber gar nichts mit der echten Welt zu tun. Hier gibt es nicht Schwarz und Weiß, sondern unendlich viele Farben dazwischen. Das Storytelling verzerrt also nach Florians Überzeugung die Wirklichkeit und damit auch die Art, wie einzelne Menschen auf die Wirklichkeit reagieren.

Darüber muss man erst einmal reflektieren.

Ich habe es in vielen Gesprächen mit Florian getan und stimme ihm inzwischen weitgehend zu.

Einer meiner wesentlichen Einwände ist, das “Storytelling” auch ohne diese Polarisierung gut funktionieren kann. Es gibt andere Formen des Geschichten-Erzählens, die ich in den vergangenen  Jahren mit Journalistenkolleg*Innen in Workshops  weiterentwickelt habe. Diese Arten werden nur kaum praktiziert.

Ich bin mir inzwischen aber auch sicher, das der von falschen Wertzielen / KPIs (Click & Engagement) getriebene deutsche Onlinejournalismus sehr deutlich zur auch künstlichen Dramatisierung und Polarisierung tendiert (siehe auch “Social Media, Suchmaschinen und Ethik“) und damit nicht nur der Gesellschaft, sondern auch sich selbst schadet. Die kurze, vom Reptiliengehirn in unserem Kopf erzeugte Erregung der besonders polarisierenden Überschrift oder der schwarz/weiß gemalten Story in sozialen Medien aber auch in anderen Distributionsmodellen konvertiert eben nicht so einfach in treue, zahlende digitale Abokunden. Meist ist das Gegenteil der Fall. Diese Art verringert sogar die Abozahlen z.B. im Print, da sich Traditionalisten angewidert abwenden. Die Marke eines Medienhauses zerstört sich so mittelfristig selbst (ja, es gibt auch Medienhäuser in Deutschland, die es aus einem hohen Wertekontext heraus schon immer anders machten und dadurch nun endlich auch nachhaltig Erfolg haben, aber das ist eine andere Diskussion).

Ein Content Management System mit eingebauter einfacher künstlicher Intelligenz übernimmt das “Storytelling”

Das CMS, das Florian für seine Diplomarbeit entwickelt hat, nannte er Korsakow. Die Software nutzt Muster und Ähnlichkeiten in den einzelnen Inhaltsabschnitten, um dem Nutzer daraus verschiedene sinnvolle nächste Schritte im gesamten Inhaltsraum anzubieten. So kann jeder intuitiv seinen eigenen Weg durch die Inhalte finden, und zwar in der Geschwindigkeit und Tiefe, die seinem aktuellen Bedürfnis entsprechen – eben echt personalisiert.

Das ist sehr abstrakt, aber ein aufgezeichneter Walkthrough durch Florians Produktion “Planet Galata” (entstanden für arte) kann einen ersten Eindruck vermitteln, wie sich so ein Korsakow-Projekt für den Nutzer anfühlt.

Korsakow

Florian ist Filmemacher. Das bedeutet, das er seine Technologie immer im dokumentarischen Zusammenhang nutze, aber nicht im Kontext klassischer journalistisch dominierter Formate. Dadurch, das wir (Florian und ich) uns fanden und der junge Filmemacher Felix Pauschinger (Absolvent meiner ehemaligen beruflichen Nachbarn, der Filmuniversität Babelsberg) zu uns stieß, wird sich das nun ändern.

Das ist der Codonaut

Wir haben uns für ein neues, journalistisches Korsakow-Projekt das Thema Künstliche Intelligenz ausgesucht. Dieses Thema ist so extrem vielschichtig, das ich persönlich fest daran glaube, das eine typische, auf 45 oder vielleicht 90 Minuten begrenzte lineare Darstellungsform dem Thema nicht einmal ansatzweise gerecht werden kann. Nur die interaktive Form erlaubt diese Vielschichtigkeit und hoffentlich auch Tiefe. 

Gleichzeitig geben wir als Autoren des Mediums einen Großteil der Interpretationshoheit an die Erzählsoftware und damit an jeden einzelnen Nutzer ab. Wir wollen der Darstellung keinen Spin geben – wie “KI ist Böse” oder “KI ist der Heilsbringer”. Diese Art der Polarisierung nutzen Populärmedien heute schon zu genüge.

Themenplanung des Codonauten

Das verändert zum Beispiel auch die Art, wie man grundsätzlich an die Themenplanung herangeht. In unserem ersten Meeting versuchten wir bereits, in Themenräumen und Kontexten zu denken. So habe ich früher in meiner Zeit als aktiver Journalist nie Produktionen gedacht.

Wann ist die neue, interaktive Erzählform erfolgreich?

Wir sind uns sehr sicher, das der Codonaut im Bewertungsrahmen klassischer Messungen (in diesem Fall im Vergleich zum Film auf Onlineplattformen mit Messung von Abzuzahlen und Verweildauer) eher schwach abschneiden wird. Nein, wir werden nicht ad hoc die längsten Verweildauer erzeugen – dazu ist die User Experience zu ungewohnt (nicht nur in der Art, wie der Codonaut zu bedienen sein wird, sondern auch bedingt durch den Verzicht auf künstlich erzeugte Spannungsbögen). Und natürlich werden wir wegen des Fehlens klassischer Multiplikatormechanismen auch nicht die höchsten Clickraten erzeugen.

Wir nehmen uns als Autoren, die den Codonaut aus eigener Tasche und aus dem Willen zum Experiment in unserer Freizeit realisieren, das Recht und den Luxus heraus,  “Erfolg” nach unseren Maßstäben zu definieren. 

Dieser Bewertungsmaßstab ist m.E. höher als der des klassischen  Ansatzes. Wir wollen, das die Komplexität des Themas verstanden und die Vielschichtigkeit verinnerlicht wird. Oder, um es in Worten der Unternehmenskommunikation auszudrücken: Wir wollen, das die Botschaften im Lärm des alltäglichen Medienkonsums trotzdem nachhaltig verfangen und vom Nutzer erinnert werden.

Interaktivität, Non-Linearität und vor allem die an den intuitiven Bedürfnissen jedes einzelnen Nutzers orientierte Personalisierung sorgt dafür.

Das ist unsere These, die es nun zu beweisen gilt.

Die web-basierte Darstellungsform veröffentlichen wir unter der Adresse http://codonaut.de. Die Dreharbeiten haben gerade (Mitte August 2018) begonnen. Es ist ein Experiment. Wir lernen als Autoren an vielen Punkten hinzu. Und werden an einigen Aspekten auch scheitern. Deshalb können und wollen wir keinen konkreten Veröffentlichungstermin nennen. Wir wollen allerdings unsere Erfahrungen teilen, deshalb führen wir auf der Codonaut-Seite auch ein Produktionstagebuch – zumindest ab Montag :-).