Neue Digitale Medienwelt

23. September 2018
von Stefan Westphal
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Wie der Lokaljournalismus im Digitalen seine Chancen verspielt

Lokaljournalismus ist eine wesentliche Stütze der Demokratie. Das, was vor der Haustür passiert, hat für die Menschen große Relevanz. Lokaljournalismus schafft die so wichtige lokale Identität. Auch bei lokalen Wahlen. Die Relevanz steigt sogar, je stärker sich das Wahlverhalten ändert. Wähler haben immer seltener eine “Stammpartei” und entscheiden kurzfristiger. Ich wähle heute das erste mal lokal in Potsdam. Und wie knapp die Hälfte aller Wahlberechtigten wusste auch ich am Tag der Wahl noch nicht, wen ich wählen könnte (nur, wen definitiv nicht, das wusste ich :-)…). Digitaler Lokaljournalismus kann hier seiner Uraufgabe gerecht werden – der demokratischen Willensbildung dienen, die Informationen für die Wahlentscheidung bereitstellen. Tut er es? Eine Analyse.

Die Kommunal- oder Oberbürgermeisterwahl ist für Lokalmedien ein traumhaftes Thema. Das Interesse der Leser / Hörer / Zuschauer / Nutzer daran ist vorhersehbar – der zeitliche und räumliche Rahmen dabei begrenzt. Gleichzeitig sind Informationen leicht verfügbar (denn die Kandidaten wollen sich ja im besten Licht zeigen) – und das Thema liefert sehr viele Ansatzpunkte für tiefere Recherchen.

Der Lokaljournalismus kann seine Bedeutung und seinen Markenwert im Digitalen kaum leichter steigern. Ein Elfmeter sozusagen, bei dem der Torwart (i.e. die Ablenkung durch den alltäglichen Medienlärm) auch noch ausnahmsweise Krücken trägt.

Warum vergeben sie dann so jämmerlich?

Welches  sind die Kriterien für guten digitalen Lokaljournalismus?

Im digitalen Lokaljournalismus gelten die gleichen Kriterien wie in allen anderen digitalen Darstellungsformen auch. Das Ziel muss sein, das Nutzungserleben (die “User Experience”) zumindest auf das vom Nutzer erwartete Niveau zu bringen, und idealerweise sogar noch zu übertreffen. Der Vergleichswert ist dabei nicht das konkurrierende lokale Medium, sondern die Dienste, die der Nutzer sonst täglich benutzt.

Daraus lassen sich einige Mindestziele ableiten:

  • Die Nutzung muss auf mobile Geräte optimiert sein (denn Smartphones dominieren inzwischen).
  • Die wichtigen Informationen müssen schnell auffindbar sein.
  • Der Nutzer findet die Informationstiefe, die er individuell sucht.

Erreicht ein journalistisches Medium diese Mindestvoraussetzungen in Sachen User Experience, könnte man mit Aspekten wie Crossmedialen Erzählformen und Interaktivität das Nutzungserleben noch deutlich verbessern.

(natürlich muss die journalistische Qualität ebenso stimmen, aber das ist ein anderes Thema. Ich gehe davon aus, dass die Redaktionen in meinem Beispiel aus Potsdam im Sinne des Journalismus wissen, was sie tun)

Wie man seine Marke als Medienhaus verspielt

Ich habe Journalismus Anfang der 1990er gelernt. Zu der Zeit war das Mantra der Journalistenschulen: „Glaubwürdigkeit und Relevanz sind das Wichtigste, das du hast. Ohne Glaubwürdigkeit und Relevanz investiert kein Leser Zeit und das Geld in deine Zeitung“.

Wenn Inhalte im journalistischen Geschäftsmodell eine Rolle spielen, dann zeigt die Märkische Allgemeine (MAZ) in Potsdam, wie man es nicht macht. Das ist noch nett ausgedrückt. (Urpsünglich wollte ich etwas schreiben von Sabotage und Arbeiten an der Selbstzerstörung, aber das ist dann doch etwas zu emotional).

Die MAZ ist Teil der Madsack Mediengruppe aus Hannover, die gerade ihre gesamten Titel Online unter dem sogenannten „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ zusammengefasst hat. Das Betrifft Inhalte, aber offenbar auch Werbevermarktung.

Auf der Suche nach relevanten Informationen zur Oberbürgermeisterwahl  lächelten mich auf der MAZ – Online -Seite als allererstes Werbungen für auf den ersten Blick unseriös wirkende Schlankheits- oder Gesundheitsprodukte an (siehe im Foto links).

Der erste Eindruck lädt Marken emotional auf. Das ist bekannt. Die Marke „Märkische Allgeneine“ steht dann  hier also für etwas mit unseriösem Eindruck. Das ist verheerend. Der Durchschnittsleser soll so der Marke “MAZ” noch einen Vertrauensvorschuss geben –  und irgendwann auch einmal Geld für die Inhalte? (abgesehen davon zeigt das Beispiel auch noch, dass das Targeting bei Redaktionsnetzwerk Deutschland überhaupt nicht funktioniert. Die Werbung ist abschreckend und irrelevant zu gleich für mich. Auch als b2b-Kunde würde mir das nicht gefallen)

Livetickerritis und Expertentum

Bleibt bei den Zeitungshäusern das Konkurrenzprodukt Potsdamer Neuste Nachrichten (PNN) – der Potsdamer Arm des Berliner Tagesspiegels aus dem Holtzbrinck-Verlag. Der Screenshot (im Bild oben auf der rechten Seite) zeigt die mobile Seite um 12 Uhr. Vorn steht also ein Liveticker zur Wahl.

Diese inzwischen inflationär im Onlinejournalismus genutzte Darstellungsform halte ich schon grundsätzlich für kritikwürdig. Sie verzichtet auf eine der wichtigsten Aufgaben des Journalismus – die Einordnung in Kontexte und Wichtigkeit. Außerdem tendiert sie zur Überemotionalisierung (aus dem Sack Reis, der umgefallen ist, wird dann gern auch mal eine Bombe gemacht … es hat ja so laut geknallt).

Ein Liveticker macht vielleicht dann Sinn, wenn ständig etwas wirklich beachtenswertes passiert, und eine Einordnung der Informationen nicht nötig ist (aber auch da eigentlich nicht. Live ist Audio nun mal das beste Medium).

An einem Wahltag, während die Wahllokale geöffnet sind, passiert … nun ja … nichts

Trotzdem setzen PNN und MAZ (letztere, wenn man die Ads überscrollt hat) auf den Liveticker als Top-Ereignis. Alles, was einem Nutzer bei der Wahlentscheidung helfen könnte, sucht man bei der MAZ vergeblich. Der einzige online sichtbare Text, mit dem man weiterkommen könnte, versteckt sich hinter der Paywall (da das Vertrauen in die Marke dank der Ads aber bereits gestört ist, sinkt die Wahrscheinlichkeit der Conversion … siehe Absatz oben).

Die PNN zeigt Online an zweiter und dritter Stelle dann immerhin noch zwei Artikel, die sich mit den Kandidaten auseinandersetzen. Doch auch diese Texte helfen dem Orientierungssuchenden kaum weiter.

In einer Strecke werden die einzelnen Kandidaten in sehr langen Texten eher im Stil von Personalityreportagen vorgestellt. Das wird im Printprodukt gut funktionieren, ist aber ungeeignet für die gewünschte Online User Experience (zu lang, Informationen zu versteckt).

Der zweite Text wiederum hat eine gute Länge, verrennt sich dann bei der Vorstellung der Kandidaten seltsamerweise in der detailreichen Darstellung von für den Leser nicht nachvollziehbaren politischen Querelen (nach dem Motto: wer bekommt von wem aus der Partei die richtige Menge Applaus). Schön, das der Autor so gut in der Lokalpolitik vernetzt ist. Es hilft nur nicht bei einer Wahlentscheidung im Lokalen. 

So kann man es auch machen: eine “innovative” Lösung für den Umgang mit der Wahl

Zu den Konstrukten des Landesmediengesetzes in Brandenburg gehört die Möglichkeit, privatrechtlich finanziertes Lokal TV zu veranstalten. Das hat zur Folge, das viel zu kleine Sender in viel zu kleinen Regionen ohne relevante Werbeeinnahmen teilweise Journalismus auf Hobbyniveau betreiben und dabei über “technische Beihilfen” aus den Rundfunkgebühren querfinanziert werden (müssen).

Potsdam TV gilt da in der regionalen Szene als Ausnahme, mit ausgebildeten Journalisten und vergleichsweise hohem Produktionsniveau. Die Lösung, die die Redaktion in der Fragestellung OB Wahl gefunden hat, ist vor diesem Hintergrund schlicht kreativ.

Die Wahl wird einfach ignoriert (siehe links im Bild).

Nicht einmal das Streitgespräch der Bürgermeisterkandidaten, das es laut eines Zeitungsartikels bei Potsdam TV gegeben haben soll, ist in der “Mediathek” des Programms zu finden. Lokaljournalismus, der (online) das Thema des Tages ignoriert, sollte seinen digitalen Auftritt besser stilllegen. 

Am besten schneidet in meinem Vergleich noch der Öffentlich-Rechtliche rbb ab – und das, obwohl das Team eher am Rande mit einem lokalen Ereignis beschäftigt ist und dank des Rundfunkstaatsvertrages bei weitem nicht alles Online machen darf, was richtig wäre. Die Anstalt sendet für die rund sechs Millionen Menschen in Berlin und Brandenburg. Da ist eine Schwerpunktsetzung auf das Thema “OB Wahl Potsdam”, die vielleicht 170.000 Menschen interessiert, eigentlich nicht zu erwarten. 

Entsprechend niedriger ordnet das Onlineangebot “rbb 24” die Wahl ein. Eine Vorstellung der einzelnen Kandidaten ist dabei. Allerdings hilft auch diese nicht wirklich bei der Wahlentscheidung. Verlinkt wurden auf der Seite lediglich die kurzen, für das tägliche Regionalnachrichtenmagazin produzieren beiden TV Beiträge, die in gefühlten 150 Sekunden jeweils drei Kandidaten zu Wort kommen ließen (wovon jeder auch noch 15 Sekunden dafür verschwendete, über einen mitgebrachten Lieblingsgegenstand zu philosophieren – das macht also rund 35 Sekunden pro Kandidat und Wahlprogramm).

Diese eher seichte Unterhaltung statt politischer Information ist eben das Format des Nachrichtenmagazins, und “nur für Online” darf der rbb – wie alle anderen Öffentlich-Rechtlichen Anstalten auch – gegenwärtig nicht produzieren (auf das diese Regelung mit dem neuen Rundfunkstaatsvertrag abgeschafft wird…). Es bliebt der Onlineredaktion also keine andere Wahl, als das Material zu nehmen, das da ist.

Sie hätten allerdings vielleicht auch die Arbeit der Kollegen von Antenne Brandenburg – dem regionalen ÖR-Hörfunkprogramm – berücksichtigen sollen. Dort produzierte das Team eine fast zweistündige Diskussionsrunde mit allen OB Kandidaten vor Publikum. Daraus hätte man wunderbar für Online relevante Zusammenfassungen produzieren können, sortiert nach Themenfeldern und Kandidaten. Also auch hier: Chance vertan.

Mehr digitale Kompetenz im Lokaljournalismus und in den Medienhäusern

Potsdam ist natürlich nur ein regionales Beispiel und Rückschlüsse auf die Situation des digitalen Lokaljournalismus in anderen Städten sind nicht 1 zu 1 möglich. Betrachtet man die klassischen Verbreitungswege von regionalen und lokalen Inhalten via Zeitung, Radio oder auch TV spielen Berlin und die umliegenden Gemeinden sogar eigentlich eher in den oberen Ligen, was Qualität und Inhaltstiefe angeht.

Auch  kann die Region aus dem vollen Schöpfen, was die allgemeine digitale Kompetenz betrifft. In kaum einer anderen Stadt ist das Wissen um die Digitalisierung so gebündelt wie hier (unter anderem dank des Hasso Plattner Instituts, zahlreicher anderer Forschungseinrichtungen und natürlich dank der Nähe zur Digitalhauptstadt Berlin).

Warum also ist das Ergebnis dieser Betrachtung so schlecht? Es kann eigentlich nur an den Strukturen liegen: Digitalkompetenzen werden im vorhandenen Team nicht gefördert oder nicht ins Haus geholt.  Veraltete, hierarchische Führungsmethoden und -Strukturen verhindern das Entstehen neuer Ideen und den lernenden Umgang mit der alltäglichen Kundenbeziehung. Und zu guter letzt: die fehlende Einsicht, sich überhaupt entwickeln zu müssen. Also, eigentlich alles wie immer in der Verlagswelt.

12. September 2018
von Stefan Westphal
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Besserer Online-Journalismus: Die sieben besten Crossmedia-Stories 2018

Die Online News Organisation (ONA) vergibt jährlich die Online Journalism Awards. Die meisten der nominierten Veröffentlichungen nutzen inzwischen Darstellungsformen, die der erwarteten User Experience digitaler (Smartdevice) Nutzer entgegenkommen: sie sind crossmedial, interaktiv, und teils personalisiert. Hier sind die sieben Nominierten, die es 2018 meiner Meinung nach am besten machen. Die Leuchttürme des Online-Journalismus:

Im englischsprachigen – und inzwischen auch im spanischsprachigen – Raum setzt sich bei traditionellen Medienunternehmen der Digital First – Gedanke immer mehr durch. Veröffentlichungen werden zunächst mal aus der digitalen Sichtweise produziert, und dann auf den klassischen Veröffentlichungsweg wie Zeitung oder TV Sendung transformiert.

Das hat eine immense Steigerung der digitalen Qualität zur Folge. Während bei den Awards vor zwei Jahren crossmediale Formen noch nicht in der Mehrheit waren, prämiert die Jury nun Veröffentlichungen, die nicht nur hervorragend recherchiert sind (ein wichtiger Faktor bei der Preisvergabe), sondern sich so weit wie möglich dem erwarteten Nutzungserleben – also der User Experience – anpassen. Der reine Text hat ausgedient. Viele Bilder, gelegentliche Interaktionen und auffallend viele Audiostücke als Teil nahezu jeder Veröffentlichung, das ist die Bilanz im Pool der Nominierten 2018. Die Gewinner werden am 18. September 2018 bekannt gegeben.

Der deutsche Online-Journalismus sieht alt aus – im wahrsten Sinne des Wortes

Wenn man die Nominierten mit dem deutschen Gegenstück zu den Online Journalism Awards vergleicht – den Grimme Online Awards – , wird eins deutlich. Der deutsche Onlinejournalismus steckt irgendwo zwischen Newsletter, Textlawine und netten Instagram-Spielereien fest. Online – spezifische Veröffentlichungen sind selten, und wenn erreichen sie meist nicht einmal mehr die Qualität, die es zwischen 2014 und 2016 auch im deutschsprachigen Raum schon gab.

Die Gründe dafür sind sicherlich vielfältig. Klar ist aber auch, dass die Investitionen in digitale Erzählformen, die sich vor allem die US und UK-Medienhäuser seit gut fünf Jahren leisten, inzwischen große Früchte tragen. Die Veröffentlichungen erreichen nachhaltiger ihr Publikum. Das zahlt sehr stark auf die Marke des Medienhauses ein. Und konvertiert inzwischen sehr gut in zahlende, treue Kunden.

Wir können im deutschen Online-Journalismus noch so viel lernen. Wenn wir zum Beispiel diese Nominierten als Referenz nehmen:

Scrollytelling und beeindruckende Bilder: Highway of riches, road to ruin

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Screenshot aus dem interaktiven Werk “Highway of riches, road to ruin”

Die Journalistin Stephanie Holen und der Fotograf Aaron Vincent Alkaim fuhren für die Zeitung  „The Globe and Mail“ die 2000 Kilometer lange Landstraße BR-163 quer durch das brasilianische Amazonas-Gebiet – dort, wo Interessen der Wirtschaft auf Ureinwohner und Naturschützer treffen.

Die starken Fotografien und Protagonisten tragen die Reportage. Der Text bleibt meist kurz. Die Interaktion erlaubt dem Nutzer sein eigenes Nutzungstempo und gibt genügend Raum, über die Inhalte nachzudenken – ohne den Anschluss zu verlieren. 

Diese Reportage belegt für mich am besten, wie man ohne zusätzlichen Aufwand in Produktion und Recherche aus einer zehnseitigen Magazinreportage ein noch viel wirkungsvolleres Onlineformat gestalten kann. Denn: es gibt schon seit langem genügend Content Management Systeme, die Darstellungsformen wie diese leicht beherrschen.  Selbst WordPress kann das 🙂

Gameification: The Uber Game

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Screenshot aus “The Uber Game”

Ein einfaches, interaktives Klick-Spiel der Financial Times, in dem man sich in das Leben eines Uber-Fahrers hineinversetzt, der innerhalb einer Woche 1000 $ verdienen muss. 

Journalismus und Gameification funktioniert großartig, wenn man die Inhalte wirklich nachfühlbar machen will. Technologisch ist die Umsetzung vergleichsweise einfach – es erinnert an die Textadventures auf den frühen Heimcomputern (nur mit schönerer Grafik). Die Wirkung der Geschichte ist beeindruckend.

Interaktiver Datenjournalismus: Bussed Out

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Screenshot von “Bussed Out” des Guardian.

Einige US Städte haben eine aus unserer europäischen Sicht befremdliche Art, mit Obdachlosen umzugehen: sie schenken ihnen Bustickets und sogar Flüge – Hauptsache, die Obdachlosen sind weg aus der Stadt. 

Wie man daraus eine beeindruckende, auf Datenjournalismus basierende Geschichte macht, zeigt der Guardian. Die Redaktion hat sehr viel investiert: 18 Journalisten recherchierten 18 Monate lang.

Entsprechend detailreich sind die vielen unterschiedlichen Grafiken animiert und interaktiv nutzbar. Dazu kommen vor allem mit O-Ton Audio erzählte Schicksale einzelner Obdachloser. Interessanterweise nutzt das Guardian-Team trotzdem technisch ein hierfür Videoformat, obwohl eigentlich nur ein stehendes Bild des Protagonisten gezeigt wird.

Immersiv und Interaktiv: The Last Generation

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Screenshot aus der interaktiven Dokumentation “The Last Generation” des TV Magazins Frontline.

Die Marshall Inseln im Pazifik werden in den nächsten Jahrzehnten im Meer versinken. Schuld ist der Klimawandel. Der interaktive Film des (klassischen) TV Magazins Frontline begleitet drei Kinder, die zur letzten Generation gehören, die auf den Inseln leben können – und wie sie sich schon heute auf das Ende ihrer Heimat vorbereiten.

Das Frontline – Team nutzt kurze Gespräche mit den Protagonisten, angereichert mit Eindrücken von den Inseln, Filmmaterial der letzten verheerenden Flut und interaktiven Grafiken. Alles ist Umrahmt von einem filmunabhängigen Musikbett. Das ist ein wesentliches Element, um die Story zusammenzuhalten.

Beim Betrachten entsteht eine unglaublich große Nähe zu den Protagonisten – viel mehr als in jeder klassischen TV Reportage. Trotzdem bleibt die Geschichte weitgehend linear, und nutzt so nur einen Teil der heute vorhandenen digitalen Erzählmöglichkeiten aus. So funktioniert Online-Journalismus sehr gut, wenn er von einem TV-Team erdacht wird.

Crowdrecherche und echte Non-Linearität: Staatsanwalt Nisman’s abgehörte Telefongespräche

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Screenshot mit dem Beispiel eines Audioplayers

1994 gab es in Argentinien einen verheerenden Anschlag auf die jüdische Organisation AMIA mit 85 Toten und hunderten Verletzten. Der Staatsanwalt Alberto Nisman entdeckte bei den Ermittlungen offenbar eine Verbindung zwischen den Attentätern – mutmaßlich aus dem Iran – und der ehemaligen Argentinischen Präsidentin Christina Kirchner. Nur Stunden bevor Nisman vor dem Parlament zu seinen Ermittlungen aussagen sollte, wurde er ermordet

Unter anderem hinterließ er die Aufnahmen von 40.000 abgehörten Telefonaten. Die Zeitung La Nación aus Buenos Aires nutze Crowdsourcing mit ihren Lesern, um alle Telefonate nach relevanten Informationen zu durchsuchen. Am Ende stehen 200 Audioaufnahmen von verdächtigen Telefonaten, durch die sich der Nutzer selbst klicken kann. Das funktioniert offenbar besonders gut begleitend zum Prozess, der derzeit in Argentinien läuft. 

Auch, wenn man kein Spanisch versteht – die Authentizität der Inhalte und die Darstellung ist bemerkenswert – und wäre ohne crossmediales Storytelling unmöglich.

Geld verdienen mit crossmedialen Erzählformen: Olympische Winterspiele 2018 / King Of The Hill

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Screenshot aus “King Of The Hill”

Die Nationale Filmförderung finanziert schon seit fast zehn Jahren interaktive digitale Erzählformen – entsprechend verbreitet und auf qualitativ hohem Level ist das moderne Erzählen in Kanada. Genauso wie beim oben erwähnten „Highway of riches“ ist die Zeitung „The Globe And Mail“ aus Toronto Produzent bei diesem Stück zu den Olympischen Winterspielen 2018.

Insgesamt produzierte die Zeitung zu 30 kanadischen Athleten crossmediale Kurzformen, die überwiegend auf kurzen Videosequenzen, Interviews und Erklärgrafiken basieren (unverkennbar auf dem Content Management System, das auch bei Highway To Riches – das ich am Anfang dieses Textes beschrieben habe – verwendet wird).

Hier kommt das Besondere: Die Serie hat einen klaren Dreh zur Monetarisierung und Conversion. Denn am Ende eines jeden Stücks bleibt beim Rezipienten das Gefühl der Faszination, wie schnell man so dicht an die Sportler herangekommen ist. Und mit einem Klick auf das Registrieren (ja, und es geht wirklich schnell, das zu tun) kann man auch alle anderen 29 Stories sehen.

So zahlen diese crossmediale Produktionen im Online-Journalismus direkt auf das Unternehmen ein: Flow beim Nutzen, Selbstwirksamkeitsgefühl, auf dem emotionalen High kann man durch das Abschließen des Abos mehr davon bekommen, ohne die Enttäuschung des Cliffhangers zu haben. Perfekt.

Die New York Times ist ebenfalls mit einer Winter Olympics – Produktion in dieser Kategorie nominiert. Es lohnt sich der direkte Vergleich. Ich denke, die Unterschiede in der User Experience werden schnell deutlich. Siehe:https://www.nytimes.com/interactive/2018/02/08/sports/olympics/mikaela-shiffrin-alpine-skiing.html

Allerdings ist auch klar, das selbst die Produktion aus New York das Niveau wohl aller deutschen crossmedialen Produktionen im Online-Journalismus der vergangenen Jahre deutlich toppt.

Text vs. Interaktiv: Leaving Tracks

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Screenshot aus Leaving Track

Für studentische Projekte schreibt die ONA regelmäßig einen Sonderpreis aus. In diesem Jahr liefert ein Projekt der Walter Cronkite School of Journalism and Mass Communication in Phoenix, Arizona, einen wunderbaren Vergleich zwischen traditionellen und interaktiven Darstellungsformen.

In dem kurzen Stück geht es um Wildhüter in Arizona, die Wölfe ansiedeln wollen. Die Geschichte wird zunächst interaktiv erzählt, am Ende erscheint dann der Link zur klassischen Textversion. Ein guter Vergleich, wie beide Formen wirken.

An diesem Projekt wird auch ein Problem der interaktiven Darstellungsformen deutlich, das uns rücksichtslose Werber eingebrockt haben. Seit einigen Monaten sperren die meisten Browser das automatische Abspielen von Multimediainhalten auf Websites – oder schalten zumindest den Ton stumm. Das ist die sogenannte Autoplay-Sperre. Grund dafür waren Onlinebanner, die ungefragt lauthals ihre Werbebotschaften im Video und Audio rüberbringen wollten.

Nun muss man also bei vielen crossmedialen Stories zunächst irgendwo klicken, damit die Multimediainhalten automatisch gestartet werden können. Deshalb wirkt das Projekt Leaving Tracks zunächst einmal wie eine recht sinnbefreite Fotoshow – bis man die Audio-Schaltfläche rechts oben gefunden und zweimal geklickt hat.

Daran müssen die Entwickler noch arbeiten…