Neue Digitale Medienwelt

22. August 2018
von Stefan Westphal
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Das Codonaut Experiment – eine künstliche Intelligenz erzählt von sich

Wie verändern sich Journalismus und Kommunikation durch neues Mediennutzungsverhalten. Wie kann man Geschichten nun “besser” erzählen. Damit beschäftige ich mich seit mehr als sechs Jahren beruflich. Nun kommt ein neuer Aspekt hinzu. Der Teil, der in meinen bisherigen Arbeiten immer ein wesentlicher Teil der Theorie war. Eine praktische Umsetzung kannte ich jedoch nicht. Bis vor ein paar Wochen. Aus diesem für mich neuen Wissen wird nun ein Projekt. Der Codonaut.

Das sich das Mediennutzungsverhalten durch die Digitalisierung geändert hat (und immer weiterentwickeln wird) ist unbestritten. Smartdevices und die Art, wie deren Apps entwickelt und optimiert werden, erzieht die Nutzer zu einem anderen Verhalten und damit auch zu anderen Erwartungen – zu der User Experience, die sich nicht mehr mit der analogen Medienwelt vergleichen lässt und viel mehr umfasst als “nur” das Layout oder die Distribution von Inhalten.

Gegenwärtig gute digitale Inhalte sind non-linear, im besseren Falle interaktiv und im besten Fall personalisiert. Gerade die Frage, wie man einzelne Geschichten in ihrer Gesamtheit auf die Bedürfnisse der Nutzer*Innen praktisch mit vertretbarem Aufwand für Autoren personalisieren kann, blieb für mich jedoch lange ungeklärt. Denn: auch, wenn man eine Geschichte digital interaktiv gestaltet, folgt sie der Linie und der Tiefe, die der Autor irgendwann einmal zuvor festgelegt hat. Unterschiedliche Tiefen von Inhalten ließen sich in non-linearen Formen nur abbilden, wenn der Nutzer selbst bewusst die Entscheidung trifft, in welche Tiefe er gehen will. Das  verlangt aber in dem Moment, in dem man sich als Nutzer für den nächsten Weg entscheiden will, eine Loslösung von der Geschichte und eine Selbstreflexion.

Leider zerstört dieser Vorgang die Chance auf das Höchste, was man sich als Autor wünscht: das die Nutzer*Innen in eine Flow kommen. Wie bei einem fesselnden Buch. Oder einem außergewöhnlichen Feature, bei dem man mit allen Sinnen in eine Erzählung eintauchen kann.

Personalisierung ist schon lange möglich

Der Zufall brachte mich zu einer Lösung, die es in Wahrheit schon seit seit fast 20 Jahren gibt, von der ich aber bis zum Frühjahr 2018 noch nie gehört hatte. Gefunden habe ich sie in einem ziemlich in die Jahre gekommenen Haus in Berlin, genau auf der Grenze zwischen Kreuzberg und Neukölln. Eben dort, wo schon immer echte Berliner Kreativität tobte. (Und genau dort, wo Ton Steine Scherben unweit des legendären Mariannenplatzes ihren Rauch-Haus-Song aufgenommen haben, aber das nur am Rande für die Älteren oder musikhistorisch interessierten unter uns … )

Der Eingang zum Korsakov-Institut. 

Ich lernte dort Florian Thalhofer kennen. Er ist Dokumentarfilmer, Medienkünstler, und hat schon vor gut 20 Jahren für seine Diplomarbeit eine Software erfunden, die dem Nutzer erlaubt, einen eigenen Weg durch eine “Raum voll Inhalt” zu gehen. Florian dachte – so wie ich in meiner Arbeit – das Inhalte nicht mehr als Ganzes verstanden werden sollten, sondern als ein Raum einzelner Inhaltsblöcke, die Wiederrum über Verbindungen in sinnvolle Kontexte gestellt werden.

In etwa so, wie das Gehirn in seiner Funktion häufig dargestellt wird. Mit den Nervenzellen – den Inhaltsblöcken – die über Nervenbahnen – den unterschiedlichen Wegen durch alle Inhaltsblöcke – verknüpft sind. Dabei ist diese Verbindung keine lineare von einem definierten Anfang und einem definierten Ende. Ein Inhaltsblock kann über viele verschiedene Bahnen mit vielen anderen Inhaltsblöcken verknüpft sein.

Alles klar? (ja, das klingt im ersten Moment kompliziert, ist es aber eigentlich gar nicht. Man muss sich nur kurz die Zeit nehmen, darüber nachzudenken).

Interaktiver Journalismus ein Mittel gegen Populismus?

Im Laufe der Zeit und vermutlich vielen intensiven Diskussionen entwickelte Florian hieraus eine eigene Philosophie. Eine der Kernaussagen: die Art, wie die Menschen seit der Dominanz von Hollywoodfilmen erzogen werden, Geschichten zu erleben, macht all die bösen Auswüchse der Gegenwart wie Poplulismus, Angstbesessenheit und Überemotionalisierung erst möglich. Florian hat das in einer Keynote beim iDocs-Festival in Bristol erklärt.

Florian Thalhofer beim iDocs – Festival in Bristol

Wer sich die unterhaltsamen und geistesöffnenden 25 Minuten nicht ansehen möchte, hier die Zusammenfassung aus meiner Sicht. Die klassischen Methoden des “Storytellings” – kultiviert von der Art, wie in Hollywood Geschichten erzählt werden – benötigen eine Polarisierung. Den Helden und den Antihelden. Die These und die Antithese. Das good and bad.

Das hat aber gar nichts mit der echten Welt zu tun. Hier gibt es nicht Schwarz und Weiß, sondern unendlich viele Farben dazwischen. Das Storytelling verzerrt also nach Florians Überzeugung die Wirklichkeit und damit auch die Art, wie einzelne Menschen auf die Wirklichkeit reagieren.

Darüber muss man erst einmal reflektieren.

Ich habe es in vielen Gesprächen mit Florian getan und stimme ihm inzwischen weitgehend zu.

Einer meiner wesentlichen Einwände ist, das “Storytelling” auch ohne diese Polarisierung gut funktionieren kann. Es gibt andere Formen des Geschichten-Erzählens, die ich in den vergangenen  Jahren mit Journalistenkolleg*Innen in Workshops  weiterentwickelt habe. Diese Arten werden nur kaum praktiziert.

Ich bin mir inzwischen aber auch sicher, das der von falschen Wertzielen / KPIs (Click & Engagement) getriebene deutsche Onlinejournalismus sehr deutlich zur auch künstlichen Dramatisierung und Polarisierung tendiert (siehe auch “Social Media, Suchmaschinen und Ethik“) und damit nicht nur der Gesellschaft, sondern auch sich selbst schadet. Die kurze, vom Reptiliengehirn in unserem Kopf erzeugte Erregung der besonders polarisierenden Überschrift oder der schwarz/weiß gemalten Story in sozialen Medien aber auch in anderen Distributionsmodellen konvertiert eben nicht so einfach in treue, zahlende digitale Abokunden. Meist ist das Gegenteil der Fall. Diese Art verringert sogar die Abozahlen z.B. im Print, da sich Traditionalisten angewidert abwenden. Die Marke eines Medienhauses zerstört sich so mittelfristig selbst (ja, es gibt auch Medienhäuser in Deutschland, die es aus einem hohen Wertekontext heraus schon immer anders machten und dadurch nun endlich auch nachhaltig Erfolg haben, aber das ist eine andere Diskussion).

Ein Content Management System mit eingebauter einfacher künstlicher Intelligenz übernimmt das “Storytelling”

Das CMS, das Florian für seine Diplomarbeit entwickelt hat, nannte er Korsakow. Die Software nutzt Muster und Ähnlichkeiten in den einzelnen Inhaltsabschnitten, um dem Nutzer daraus verschiedene sinnvolle nächste Schritte im gesamten Inhaltsraum anzubieten. So kann jeder intuitiv seinen eigenen Weg durch die Inhalte finden, und zwar in der Geschwindigkeit und Tiefe, die seinem aktuellen Bedürfnis entsprechen – eben echt personalisiert.

Das ist sehr abstrakt, aber ein aufgezeichneter Walkthrough durch Florians Produktion “Planet Galata” (entstanden für arte) kann einen ersten Eindruck vermitteln, wie sich so ein Korsakow-Projekt für den Nutzer anfühlt.

Korsakow

Florian ist Filmemacher. Das bedeutet, das er seine Technologie immer im dokumentarischen Zusammenhang nutze, aber nicht im Kontext klassischer journalistisch dominierter Formate. Dadurch, das wir (Florian und ich) uns fanden und der junge Filmemacher Felix Pauschinger (Absolvent meiner ehemaligen beruflichen Nachbarn, der Filmuniversität Babelsberg) zu uns stieß, wird sich das nun ändern.

Das ist der Codonaut

Wir haben uns für ein neues, journalistisches Korsakow-Projekt das Thema Künstliche Intelligenz ausgesucht. Dieses Thema ist so extrem vielschichtig, das ich persönlich fest daran glaube, das eine typische, auf 45 oder vielleicht 90 Minuten begrenzte lineare Darstellungsform dem Thema nicht einmal ansatzweise gerecht werden kann. Nur die interaktive Form erlaubt diese Vielschichtigkeit und hoffentlich auch Tiefe. 

Gleichzeitig geben wir als Autoren des Mediums einen Großteil der Interpretationshoheit an die Erzählsoftware und damit an jeden einzelnen Nutzer ab. Wir wollen der Darstellung keinen Spin geben – wie “KI ist Böse” oder “KI ist der Heilsbringer”. Diese Art der Polarisierung nutzen Populärmedien heute schon zu genüge.

Themenplanung des Codonauten

Das verändert zum Beispiel auch die Art, wie man grundsätzlich an die Themenplanung herangeht. In unserem ersten Meeting versuchten wir bereits, in Themenräumen und Kontexten zu denken. So habe ich früher in meiner Zeit als aktiver Journalist nie Produktionen gedacht.

Wann ist die neue, interaktive Erzählform erfolgreich?

Wir sind uns sehr sicher, das der Codonaut im Bewertungsrahmen klassischer Messungen (in diesem Fall im Vergleich zum Film auf Onlineplattformen mit Messung von Abzuzahlen und Verweildauer) eher schwach abschneiden wird. Nein, wir werden nicht ad hoc die längsten Verweildauer erzeugen – dazu ist die User Experience zu ungewohnt (nicht nur in der Art, wie der Codonaut zu bedienen sein wird, sondern auch bedingt durch den Verzicht auf künstlich erzeugte Spannungsbögen). Und natürlich werden wir wegen des Fehlens klassischer Multiplikatormechanismen auch nicht die höchsten Clickraten erzeugen.

Wir nehmen uns als Autoren, die den Codonaut aus eigener Tasche und aus dem Willen zum Experiment in unserer Freizeit realisieren, das Recht und den Luxus heraus,  “Erfolg” nach unseren Maßstäben zu definieren. 

Dieser Bewertungsmaßstab ist m.E. höher als der des klassischen  Ansatzes. Wir wollen, das die Komplexität des Themas verstanden und die Vielschichtigkeit verinnerlicht wird. Oder, um es in Worten der Unternehmenskommunikation auszudrücken: Wir wollen, das die Botschaften im Lärm des alltäglichen Medienkonsums trotzdem nachhaltig verfangen und vom Nutzer erinnert werden.

Interaktivität, Non-Linearität und vor allem die an den intuitiven Bedürfnissen jedes einzelnen Nutzers orientierte Personalisierung sorgt dafür.

Das ist unsere These, die es nun zu beweisen gilt.

Die web-basierte Darstellungsform veröffentlichen wir unter der Adresse http://codonaut.de. Die Dreharbeiten haben gerade (Mitte August 2018) begonnen. Es ist ein Experiment. Wir lernen als Autoren an vielen Punkten hinzu. Und werden an einigen Aspekten auch scheitern. Deshalb können und wollen wir keinen konkreten Veröffentlichungstermin nennen. Wir wollen allerdings unsere Erfahrungen teilen, deshalb führen wir auf der Codonaut-Seite auch ein Produktionstagebuch – zumindest ab Montag :-). 

15. Juni 2018
von Stefan Westphal
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Warum der Reuters Digital News Report 2018 eine gute Nachricht für Radiomacher ist (aber eine schlechte für Radiounternehmen)

Zweimal im Jahr bewerten Radiosender ihre gesellschaftliche Relevanz anhand der Media Analyse. Danach feiert sich das Radio selbst als extrem relevant für Wirtschaft und Gesellschaft. Die Methoden, die wissenschaftlich fundierter sind, kommen regelmäßig zu anderen Ergebissen. In diesem Jahr aber mit einer guten Nachricht für Radiomacher.

Es sind die beiden Tage im Jahr, auf die fast die ganze Radiobranche hinfiebert. Die „Quoten“ erscheinen, also die Auswertungen der Media Analysen für das Radio. Dieser Untersuchungsmethode folgend trotzt das Medium dem Medienwandel.

Radio werde unglaublich viel gehört. Und Radio sei wahnsinnig relevant.

Die Untersuchungsmethode haben die Radiosender, Mediaagenturen, Werbeagenturen und einige Werbtreibende gemeinsam entwickelt. Kurz: alles Organisationen, die daran Interesse haben, dass die Zahlen in ihrer Gesamtheit blendend aussehen. Denn darauf basiert ihr Geschäftsmodell. Ganz dem zu Beginn der 2010er auf Radiokonferenzen verbreiteten Mantra folgend „wir dürfen unser Medium nicht klein reden“.

Audio ist nicht mehr nur Radio

Die Nutzung von Audio hat sich seit der Verbreitung von Smartphones kontinuierlich weiterentwickelt – weg vom radiogebundenen Morgenritual.

Andere Untersuchungen wie der Reuters Digital News Report sind wissenschaftlich sehr viel weniger umstritten. Auch an dieser Untersuchung sind Medienunternehmen (und google) als Finanziers beteiligt. Sie wird aber im Wesentlichen von Forschungsinstituten und Universitäten getragen. Einmal im Jahr werden in dieser Studie in 37 Ländern Onlinennutzer nach ihrer Nachrichtenrezeption befragt.

Radio hat nur noch auf den ersten Blick Relevanz

Eigentlich schneidet das alte lineare Audiomedium auch hier ganz gut ab. Immerhin 45% der Onliner nutzen auch Radio als Nachrichtenquelle regelmäßig. Radio ist damit dritt-relevanteste Quelle der deutschen Onliner – wenn auch mit recht großem Abstand zu Platz zwei.

Man kann die Zahl aber auch anders interpretieren. Für mehr als die Hälfte der Onliner hat Radio keine besondere Relevanz (mehr). Die Zahlen waren vor fünf Jahren noch einiges besser.

Schlechter schneidet Radio bei einer tieferen Nachfrage ab. Die Autoren der Studie wollten wissen, welches Medium die Hauptquelle für Nachrichten ist. Aus Sicht der Medienwissenschaft bedeutet diese Frage auch: welches Medium hat die Eigenschaft eines Agenda Settings – also welches Medium gibt die Richtung  vor, welches Thema die Aufmerksamkeitsschwelle der Rezipienten erreicht.

Radio ist nur noch bei rund 11 % der Onliner die hauptsächliche Nachrichtenquelle. Als einziges Medium kommt Radio sogar auf “glanzvolle” 0% bei der Frage danach, welches Medium die einzige Quelle für Nachrichten ist.

Diese Ergebnisse sind in den unterschiedlichen Altersstufen ähnlich. Bei der Kernzielgruppe der meisten privaten Sender und der werbesendenden Öffentlich-Rechtlichen (die 35 bis 44 Jährigen) schneidet das Radio sogar auffallend schlecht ab.

Schwächen des Vergleichs

Nun lassen sich Media Analyse und Reuters Digital News Report kaum direkt miteinander vergleichen. Die Media Analyse fragt alle (und nicht nur die Onliner). Außerdem ist beim Reuters Digital News Report nicht genau definiert, was „Nachrichten“ eigentlich sind. Es sind also eher gefühlte Antworten der Befragten.

Folgt man dennoch den Zahlen des Reuters Digital News Reports wird klar, dass man im Radio weitgehend auf die Ausstrahlung von Informationen verzichten könnte. Die Rezeption von Radionachrichten erfolgt eher zufällig, weil einige – und zwar weniger als 50% der Befragten – dann doch irgendwie noch das Radio einschalten und nicht gleich wegschalten, wenn geredet wird.

Letztlich bestätigt sich das, was schon vor 25 Jahren von den Formatgöttern des Radios gepredigt wurde: Nachrichten sind ein Abschaltfaktor. Man macht sie nur, weil es das Gesetz vorschreibt – oder der der letzte Rest öffentlich-rechtlichen Selbstverständnisses (oder auch, weil man den öffentlich-rechtlichen Auftrag so versteht, wie bei Programmen von radio eins bis zum Deutschlandfunk).

Und was ist daran jetzt gut für Radiomacher?

Es ist für die aktiven Radio-Nachrichten Kolleginnen und Kollegen sicher erst einmal richtig – ich sage mal, „doof“ -, anhand der Zahlen zu sehen, wie wenig Bedeutung die eigene Arbeit eigentlich hat. Zumindest im Vergleich zu dem, was die Chefs immer über den gesellschaftlichen Impact erzählen.

Meiner Meinung nach liegt es jedoch nicht an der Arbeit an sich, sondern offenbar am Kontext des linearen, auf gute Laune und Superhits formatierten (und damit auf die Methode der Media Analyse optimierten) Programms. Oder anders ausgedrückt: lineares Radio wird selten wegen der Wortbeiträge gehört.

Aber Wortbeiträge funktionieren extrem gut, wenn sie non – linear sind. Im Reuters Digital News Report wird sogar begeistert von einer Bedeutungsexplosion gesprochen, wenn man an Audio On Demand denkt. Zumindest im anglo-amerikanischen Sprachraum.

Der Begriff „disruptive Veränderung“ stand da im Raum – also das Hinwegfegen alter Geschäftsmodelle zugunsten neuer Formen.

Audio auf Abruf ist unter anderem wegen der Frage der Urheberrechte in der Regel gesprochenes Wort. Das wird immer häufiger gehört, und dabei auch sehr lang.

Als Radiomacher auch an neue Perspektiven denken

Die Vorstellung des Reuters Digital News Reports habe ich in Berlin in den Räumen von Zeit Online gehört. Zur Präsentation und anschließenden Diskussion kamen dann auch hochkarätige Chefredakteure auf die Bühne.

Die Panelisten bei der Vorstellung des Reuters Digital News Reports

Die Panelisten bei der Vorstellung des Reuters Digital News Reports 2018 in den Räumen von Zeit Online in Berlin. (V.l.n.r.) Jochen Wegner (Chefredakteur Zeit Online), Barbara Hans (Chefredakteurin Spiegel Online), Elmar Thevenßen (Redaktionsleiter ZDF Aktuelles), Benedicte Autret (Head of strategic relations news and publishers UK and Benelux, google)

Sie eint, dass sie in Audio (sie nennen es in dem Fall Podcast) extrem großes Potenzial sehen. Auch, wenn man merkt, dass aus Zeitungssicht gedacht wird.

So wird die Downloadzahl eines Podcasts zum Beispiel mit Hören eines Podcasts verwechselt. Oder es wird jubiliert, dass es ja „so billig ist, einen Podcast zu produzieren“. Billig ist Audio On Demand nur, wenn es billig gemacht ist – und das hört man eben einigen im Zeitungskontext veröffentlichten Podcasts auch an.

Es ist also Platz am Markt für professionelle Audio-Macher, die „Wort“ können. Nicht nur, weil der Markt selbst immens wächst. Sondern auch, weil zumindest im deutschsprachigen Raum viele, die heute Podcasts machen, das eigentlich nicht können. Denn sprechen muss man lernen. Erst recht dann, wenn es authentisch sein soll, wie es im Beispiel von Podcasts der Fall ist.

Das heißt aber auch, das Radiomachern, denen die Authentizität aberzogen wurde, nie im Audio On Demand erfolgreich sein werden.

Was noch?

Es wurde an diesem Abend noch viel diskutiert. Herausheben möchte noch diese Aspekte:

  • Die Relevanz von Social Media als Zugangsweg zu Nachrichten verschiebt sich weltweit. Facebook verliert deutlich an Bedeutung, geschlossenere Systeme wie Snapchat oder WhatsApp gewinnen. Grund ist vermutlich die Veränderung im Facebook-Algorithmus. Ausnahme ist Deutschland. Hier bleibt Facebook unverändert relevant – im Vergleich zu den anderen Ländern aber eher auf niedrigem Niveau.
  • Wie auch schon zu analogen Zeiten diskutiert (oder interagiert) nur eine kleine Gruppe von Menschen über Nachrichten. Am häufigsten passiert die Interaktion bei Facebook mit 15%. Man sollte also als Journalist bei seiner Themenfindung tunlichst vermeiden, die Interaktionen in sozialen Netzwerken als wesentlichen Faktor für die Relevanz einer Nachricht misszuverstehen (siehe auch mein  Text zu Ethik in Social Media)
  • Das Geschäftsmodell der Donation, also der freiwilligen Spende der Nutzer, gewinnt langsam an Bedeutung.
  • Was mir sehr positiv auffiel: Jochen Wegner von Zeit Online teilte die Erkenntnis seiner Redaktion, dass die im Digitalen messbaren Zahlen nur sehr wenig darüber aussagen, für wie relevant ein Text vom Rezipienten empfunden wird. Er bestätigt damit den Weg, den auch Medien wie The Guardian oder die New York Times schon seit einigen Jahren gehen – bei dem die messbaren Faktoren nur ein Teil der Entscheidungsfindung in einer Redaktion sind.
  • Elmar Theveßen (ZDF) wiederum erklärte, dass seine Redaktion Themen auch wegen des Einflusses von Social Media anders bewertet als noch vor einigen Jahren. Barbara Hans (Spiegel Online) argumentierte ähnlich, wenn auch mit der Begründung, dass Klickzahlen nun einmal Teil des Geschäftsmodells sind.
  • Ein pauschaler Rückgang der Aufmerksamkeitsspanne ist laut Reuters Digital News Report ein Mythos. Die Untersuchung bestätigt das, was in der Medienforschung schon seit einigen Jahren Konsens ist: es kommt auf den Nutzungszusammenhang an. In machen Situationen und bei manchen Inhalten funktioniert zum Beispiel ein kurzes Bild als Träger der Information besser, in anderen ein 15.000 Zeichen – Text. Oder eben auch ein 90 Minuten Podcast.
  • Der Vollständigkeit halber will ich noch erwähnen, dass Barbara Hans (Spiegel Online) der festen Überzeugung ist, dass crossmediale Geschichten beim Nutzer nicht funktionieren würden. Ich bin völlig anderer Meinung. Man muss sie eben gut machen, dann funktionieren sie auch 🙂 (Ein neues Beispiel folgt nächste Woche)

Links:

Der Reuters Digital News Report 2018

Die deutsche Auswertung beim Hans-Bredow-Institut