Neue Digitale Medienwelt

ZenMate – wie ein kleines Tool die deutsche Medienlandschaft verändert

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Die Medienwelt wächst wieder ein wenig weiter zusammen. Es wird den Medienmanagern nicht passen. Vielleicht werden sie auch wieder ihre Anwälte losjagen, anstatt sich der Herausforderung zu stellen. Aber zurückholen können sie es trotzdem nicht mehr. Den Zuschauer wird es freuen. Danke NSA!

Die Technik, den Internetverkehr zu verschleiern und somit zumindest einigermaßen abhörsicher zu machen, gibt es schon ziemlich lange. Vereinfacht gesagt passiert folgendes:

Normalerweise stellt der Computer zuhause eine Verbindung zum Internet her. Dazu bekommt er eine eindeutige Adresse zugewiesen – die IP-Adresse. Der Zugangsprovider (wie T-Online oder O2) kennt den Anschlussinhaber, der diese IP-Adresse bekommen hat. Strafverfolgungsbehörden können aus der Kombination der Daten nun genau feststellen, welcher Computer wann  welche Internetseiten gesehen hat (siehe auch IP-Vorratsdatenspeicherung).

Lange bekannt ist das Verfahren, die IP-Adresse zu verschleiern und somit anonym surfen zu können. Statt sich direkt mit dem Internet zu verbinden, baut der Computer zuhause eine recht abhörsichere Direktverbindung zu einem speziellen Computer irgendwo auf der Welt auf, dem Proxy-Server. Dieser Proxy ist es dann, der tatsächlich “ins Internet geht”.  Fragt eine Strafverfolgungsbehörde nun die IP-Adressen ab, führen die Spuren immer nur zu dem Proxy-Server, und nicht mehr zu dem eigentlichen Nutzer. Man wird nicht auffindbar.

Das ganze Verfahren war bisher allerdings sehr “nerdig”. Man musste eine eher schlecht nutzbare Browsererweiterung installieren und sich dann von Hand auf die Suche nach einem funktionierenden Proxyserver machen. Aber für viele hat sich das gelohnt. Nicht nur wegen der Sicherheit, sondern vor allem, weil es wirklich die ganze Welt des Internet aufschloss.

Eine Internetseite – wie zum Beispiel die der BBC – kann anhand der IP-Adresse erkennen, aus welchem Land der Besucher kommt. Um beim Beispiel zu bleiben: ein Nutzer aus Deutschland hat vermutlich keine britischen Rundfunkgebühren bezahlt und bekommt deshalb keinen Zugriff auf die hervorragenden BBC Fernsehproduktionen. Sucht man sich für seine abhörsichere Internetverbindung aber einen Proxy-Server aus, der tatsächlich in Großbritannien steht, denkt die BBC-Website, der Nutzer käme aus UK und gibt so die Inhalte frei.

ZenMate macht das Proxy-Verfahren einfach

Das Berliner ZenGuard-Gründerteam erkannte das Potenzial, das in dem Proxyverfahren und der Anonymisierung steckt, wenn man das alles einfach gestaltet. Nutzbar von jedem, ohne große technische Vorkenntnisse. Und so installiert man ZenMate ganz einfach als Erweiterung für den Google Chrome Browser oder für den Opera-Browser, meldet sich an, wählt den Standort des Proxys, und schon surft man anonym. Aber nicht nur das.

Der einfache Einrichtungsprozess von zenmate

Der einfache Einrichtungsprozess von ZenMate

Je nachdem, welchen Ort man einstellt, erhält man Zugang zu den Medienseiten in Großbritannien oder den USA.

So sieht man die Fußball-Weltmeisterschaft mit sehr guten Kommentatoren

ZenMate erlaubt es also den Kunden, wirklich alles anzusehen, was einem sonst aus Gründen der Verwertungsrechte (und damit häufig auch aus Gründen des Protektionismus) verwehrt wird.

Beispiel Fußball-Weltmeisterschaft: für jede Nation verkauft die FIFA die Senderecht separat. Findet man dann einzelne Fußballkommentatoren des eigenen nationalen Fernsehsenders so fürchterlich wie ich, hat man entweder die Chance, den Ton ganz abzudrehen, oder auf die richtig guten, fachkundigen, entspannten und im richtigen Moment emotionalen Kommentare zum Beispiel der BBC – Reporter zu setzen. Dank ZenMate hat man Zugriff darauf.

Die BBC - Übertragung der Fußball Weltmeisterschaft 2014, genutzt in Deutschland mit dem Google Chrome - Browser und zenmate.

Die BBC – Übertragung der Fußball Weltmeisterschaft 2014, genutzt in Deutschland mit dem Google Chrome – Browser und ZenMate.

Das deutsche Radio wird ZenMate am schnellsten zu spüren bekommen

Die Fußball-Weltmeisterschaft ist eine Spezialanwendung. Das gilt auch für die Übertragungen vom Glastonbury-Festival 2014, dem bislang besten crossmedialen Medienprojekt, das ich gesehen habe. Auch das sieht und nutzt man in Deutschland dank ZenMate zwischen dem 27. und 29. Juni 2014.

Richtig disruptiv wird ZenMate im Medienalltag. Alle youtube-Videosperren verschwinden, wenn man den Server in New York nutzt.

Mit zenmate funktionieren in Deutschland auch die hochqualitativ personalisierten Musicstreaming-Dienste wie Songza.

Mit zenmate funktionieren in Deutschland auch die hochqualitativ personalisierten Musicstreaming-Dienste wie Songza.

Mit einem einzigen Klick bekommt man nun auch Zugang zu den in den USA längst etablierten, hoch personalisierten und hoch qualitativen Musik-“Radiosendern” wie Pandora oder Songza. Hat man das einmal ausprobiert, braucht man keinen deutschen “Die Superhits der …” -Sender mehr. Im Gegenteil, die nerven richtig schnell, wenn man die Personalisierung zu schätzen gelernt hat.

Bislang gibt es solche Dienste wegen der meist sehr schwierigen Verhandlungen mit der GEMA und der GVL in Deutschland nicht, denn Personalisierung lässt die Gebühren für die Senderbetreiber in Deutschland massiv in die Höhe schnellen.

Die Frage der Rechte – ist ZenMate legal?

Das Magazin Chip hat sich mit dieser Frage auseinandergesetzt.  Bleibt das Denken an die Moral.

Ich bin der Ansicht: solange die Urheber für die Nutzung ihrer Werke ordentlich entlohnt werden, ist die Nutzung von ZenMate absolut OK. Bei Musikdiensten wie Pandora oder Songza ist das der Fall. Gleiches gilt, wenn man schon jetzt (vor dem Deutschlandstart) ein Netflix-Abonnement abschließen will.

Etwas schwieriger wird die Frage bei Produktionen zum Beispiel der BBC. Man hat als Deutscher keine britischen Rundfunkgebühren gezahlt. Der Autor wird also für die Nutzung aus Deutschland nicht gesondert entlohnt. Gleiches gilt – vermutlich – beim Umgehen der youtube-Sperren. Außerdem wird man in einigen Fällen die AGB der Seitenbetreiber verletzen.

Die Deutsche Medienszene muss sich bewegen

Dank ZenMate müssen sich deutsche Medienmanager nun auch der internationalen Konkurrenz stellen. Das kann heimische Medienprodukte nur besser machen. Zum Vorteil für den Kunden.

Es war auf jeden Fall ein gutes Erlebnis, während des Schreibens dieses Blogposts das WM-Spiel Brasilen gegen Mexiko mit zwei tollen, unaufgeregten und trotzdem im richtigen Moment hoch emotionalen Reporterstimmen der BBC zu sehen und dabei die vom Pandora-Algorithmus für mich persönlich zusammengestellte am Sound von Sergio Mendes orientierte Playlist zu hören. Nur mit Zugang zu heimischen Medienprodukten wäre das nicht möglich gewesen.

Das ist die Medienzukunft.

Wenn ZenMate nach der Einführungsphase für größere Datenvolumina kostenpflichtig wird, lohnt sich die Investition zumindest für mich auf jeden Fall.

Ergänzung vom 30. August 2014

Die ZenMate Mobile – Lösungen sind da

Gerade hat das Berliner Unternehmen die Apps für iOS und Android veröffentlicht – und damit das Tool für die mobile Anwendung auch kostenpflichtig gemacht. Zumindest, wenn man mehr als 500 MB im Monat übertragen will. Das Budget ist relativ schnell verbraucht, wenn man ZenMate zum Hören oder Sehen nutzt. 500 MB reichen für etwa 30 Minuten Videonutzung des BBC iPlayers in HD auf einem Ipad. Allerdings verlangt ZenMate für die unbegrenzte Datennutzung gerade einmal rund 30 $ im Jahr. Dafür bekommt man unbegrenzten Zugang zu Apps wie diesen hier:

 

Apps wie Songza, Pandora oder der BBC iPlayer aus Großbritannien funktionieren dank ZenMate nun auch auf iOS und Android.

Apps wie Songza, Pandora oder der BBC iPlayer aus Großbritannien funktionieren dank ZenMate nun auch auf iOS und Android.

Anleitung: So laufen Netflix, Pandora und Songza auf iOS

Zumindest in der Apple-Umgebung muss man außer der Nutzung von ZenMate noch einen kleinen Trick nutzen, um die Apps auf das iPhone oder iPad zu bekommen. Sie sind nämlich im deutschen Appstore nicht verfügbar. In der aktuellen iOS – Version kann man jedoch recht einfach den Appstore wechseln:

  1. Einstellung anwählen
  2. iTunes & App Store
  3. Eigene Apple – ID
  4. Apple-ID anzeigen
  5. Passwort für den Appstore eingeben
  6. Land/Region wählen
  7. USA für Apps wie Songza, Pandora oder Netflix, UK für den vollständigen BBC iPlayer oder den UK Radioplayer
  8. Gültige Telefonnummer (USA, z.B. 1 415-885-6800 und State CA) oder Postleitzahl (UK, z.B. London, SE1 1JX) eingeben
  9. Zahlungsmittel auf “None” stellen (die Apps sind sowieso kostenlos)
  10. WICHTIG: Bisher angelegte Zahlungsmittel werden gelöscht, Abonnements beendet

Eine Besonderheit gibt es bei Netflix. Will man in den Wochen vor dem Deutschlandstart auf die On Demand Videos zugreifen, geht das auch vom heimischen W-Lan ohne Tricks. Man benötigt ZenMate mit der US-Einstellung lediglich zum Registrieren. (Die Funktion scheint inzwischen deaktiviert. Netflix prüft in regelmäßigen abständen, ob die Daten an eine IP-Adresse in den USA gesendet werden). Anders ist das bei Pandora oder dem BBC iPlayer. Hier müssen die Daten immer über ZenMate fließen.

 

Autor: Stefan Westphal

Stefan Westphal,*1970 ist Diplom Medienwirt, Master Of Arts und hat 15 Jahre Berufserfahrung als Journalist, Autor und Hörfunkmoderator. Er beschäftigt sich mit dem digitalen Wandel der analogen Medienwelt.