Neue Digitale Medienwelt

22. Dezember 2015
von Stefan Westphal
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Nie wieder schlechte Musik – Songza startet heimlich in Deutschland

Update aus dem Februar 2016:

Die Integration von Songza in google music ist – zumindest ein Deutschland – ein wunderbares Beispiel dafür geworden, wie große Konzerne die Produkte von StartUps verenden lassen. Gab es bei Songza noch hand-ausgewählte Musik gegen Werbung, hat google in Deutschland diese Option aus dem Portfolio inzwischen gestrichen. Kann man im deutschen Rechtsraum vielleicht noch verstehen, zumal google und GEMA ja ohnehin ein gestresstes Verhältnis haben (kostenlos hätte teuer für google werden können…)

Aber die Inhalte – tja: dabei geht es zum einen um die Namen der Playlists, oder wie es jetzt heisst „Radiosender“. Die fantasievollen, teils lustigen Namen des Songza Teams (wie die legendäre Playlist „Drinking whiskey with a good friend“, die raue Americana Songs enthielt) sind emotionslosen, funktionalen Beschreibungen wie „Volle Konzentration“ gewichen.

Bei vielen Playlists scheint auch jemand  krampfhaft versucht zu haben, wenigstens 20 % deutsche oder deutschsprachige Songs unterzubringen. Da ist ja grundsätzlich nichts falsches dran. Wenn sich die Titel in der Kunst der ehemaligen Songza-Macher in den akkustischen Lauf integieren würden. Tun sie aber nicht. Diese eingedeutschten Playlists glänzen mit harten Brüchen, Strukturlosigkeit und Beliebigkeit.

Trotzdem: die Reste von Songza im google music Zusammenhang sind immer noch besser als alle algorithmisch zusammengewürfelten Playlists anderer Anbieter. Derzeit bietet google in Deutschland drei kostenlose Testmonate an (Stand: März 2016). Das kann man also ohne Risiko mal ausprobieren.

Damit wird leider auch der große Teil des Textes unten hinfällig. Falls ihn doch noch jemand lesen will. Bitte:

 

Seit dem Launch vor knapp drei Jahren hat sich das New Yorker Startup Songza zum echten disruptiven Startup in der nordamerikanischen Musiklandschaft entwickelt. Bisher brauchte man in Deutschland einen VPN-Tunnel, der dem Songza-Server vorgaukelte, man würde in den USA hören. Seit ein paar Tagen funktioniert Songza in Deutschland auch ohne diesen Trick – und zwar als Teil von Google Play Musik.

Songza wurde schon 2014 von google übernommen (für gerüchteweise 39 Millionen Dollar). Seit Anfang Dezember ist Songza nun offiziell Teil des gerade renovierten Musikdienstes von google. Der schöne Nebeneffekt dabei: die Songza-Funktionalitäten sind jetzt auch in Deutschland verfügbar, und zwar kostenlos (google Konto vorausgesetzt).

Die neuen Startseite von Google Play Musik, mit der Songza-typischen contextbasierten Musikauswahl.

Die neuen Startseite von Google Play Musik, mit der Songza-typischen contextbasierten Musikauswahl.

Was macht Songza so besonders

Der Erfolg in den USA und Kanada war überwältigend. Songza hat gemeinsam mit Pandora das Musik- und vor allem Radiogeschäft grundlegend verändert. Pandora ist eine Plattform, die mit einer Mischung aus menschlichem Verstand und Algorithmus eine personalisierte Musikplaylist erstellt. Eben nur Musik, die einem gefällt. Oder im Radiodeutsch ausgedrückt: Das Versprechen „Die beste Musik“ wird tatsächlich erfüllt.

Der Songza – Ansatz unterscheidet sich von Pandora zunächst einmal in der Aufbereitung der Musik. Es geht um die richtige Musik im richtigen Kontext. Also, die beste Musik zum Workout, zum konzentrierten Arbeiten, zum Kochen, zum Entspannen, oder auch die richtige Musik für die Weihnachtsparty.

Die Leistung: DJ Expertise vervielfachen

Die Songza – Gründer selbst sagen, die Zusammenstellung der Musik sei „100% robot free„. Musikexperten beraten in Teams, welcher Song in welche Klangwelten passt. Dass sie es geschafft haben, die typische DJ – Arbeit zu formalisieren und so auf Teams zu übertragen, dass das Bauchgefühl des einzelnen Musikexperten erhalten bleibt, ist das wahre Kapital von Songza. Und das macht diese Playlists so viel besser als die aller Mitbewerber (nur Pandora kommt dicht ran).

Eine Songza – Playlist ist konsistent, bleibt dem Wunsch des Nutzers nach Kontext treu, ist emotional zuverlässig (wo Musik zum Arbeiten draufsteht, ist auch nur Musik drin, die sich nicht in den Vordergrund des Bewusstseins drängt) und schlussendlich auch überraschend (serendipity-effect).

Werbefinanziert, ohne zu nerven

Natürlich will google mit Play Musik Geld verdienen. Derzeit wird der kostenlose Modus mit Werbeeinblendungen finanziert. So lange die jedoch aus den USA kommen, kann man als Deutscher beruhigt weiter hören. Die US Werbung klingt für uns wie eine kleine Moderation zwischen den Songs und kommt völlig ohne den deutschen „Carglas – wenn der Werbesong gleich noch mal kommt beiße ich ins Lenkrad“ – Effekt aus. So provoziert Audiowerbung nicht zum Abschalten.

Ein paar bestens handverlesene Playlists des Songza – Teams

  • Dieser Text entstand bei Left Brain, Right Beat – eine sehr gute Playlist, um sich nach Sonnenuntergang noch auf kreative Arbeit konzentrieren zu können.
  • Etwas entspannender ist das stilvolle Jazz for reading 
  • Durch den letzten Sommer hat mich das nach Gin Tonic am Pool klingende From South Beach to St. Tropez gebracht.
  • Und meine absolute Liebling Weihnachtsmusik Playlist 2015 ist Cosy Christmas Classic – die peinlichkeitsbefreite Musik für tiefe Gefühle unter dem Weihnachtsbaum.

18. Mai 2015
von Stefan Westphal
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Sieben Sessions der re:publica 15, die man als Journalist und Medienmacher gehört haben sollte

Die Digitalkonferenz re:public ist in diesem Jahr zu echten Herausforderung für Medienmacher mutiert. Egal, wie engagiert man war, mit Sicherheit hat man die meisten spannenden Sessions verpasst. Man kann sich ja nicht zweiteilen. Deshalb habe ich mir in den Tagen nach der re:public noch eine ganze Reihe Sessions angehört. Daraus entstand diese Liste. Meine handverlesenen Tipps:

Auf der re:publica15. Foto: Stefan Westphal

Auf der re:publica15. Foto: Stefan Westphal

Technischer Hinweis: Der Dienst voicerepublic, der die Audiodaten der Sessions bereitstellt, hat ab und zu Probleme mit dem Code, der das Einbetten in fremde Webseiten erlaubt. Sollten statt des Audioplayers nur leere Flächen angezeigt werden, bitte diese Seite neu laden.

1. Hoax – Kampagnen – Opium fürs Empörungsvolk

Abstract:

Es ist eine unheilvolle Allianz. „Journalisten“ auf der Suche nach Einschaltquoten und Klickzahlen verbreiten gern Geschichten, die in sozialen Netzwerken hochkochen. Immer wieder stecken allerdings Fälschungen – oder Hoax – dahinter. Manchmal Propaganda, häufig PR.

Der Vortrag ist eine gelungene Sammlung von Beispielen, die den Blick schärfen können.

Für wen:

  • Journalisten, die immer schon gern die Bildzeitung „abgeschrieben“ (oder abgesendet) haben und das ganze jetzt besonders gern mit Social Media Beiträgen machen.


Persönliche Bemerkung:

Ich erkenne, dass ich auch mal auf eins der Beispiele hereingefallen bin. Aber Fehler sind ja OK, solange man daraus lernt.

2. Die Abschaffung der Wahrheit

Abstract:

Welche psychologischen Mechanismen stecken dahinter, dass sich Verschwörungstheorien und Propaganda rasant verbreiten – und warum ist es schwierig, diese zu entlarven, obwohl doch alle Informationen im Netz verfügbar wären. Das Internet ist wegen der Gleichberechtigung der Informationen mit Schuld daran. Die Lösung für Journalisten: auch einmal „ich weiß es nicht“ zu schreiben.

Für wen:

  • Journalisten, die die Menschen besser verstehen wollen, die ihre Verschwörungstheorien in den Kommentarspalten der Onlinemedien hinterlassen.
  • Journalisten, die nicht auf Propaganda reinfallen wollen.

Meine Bilanz:
Jetzt verstehe ich endlich, warum die leidenschaftlichsten Verschwörungstheoretiker Menschen mit hoher Bildung sind.

3. Immersive Journalism – Using virtual reality for news and nonfiction

Abstract:

Um in der heutigen Medienwelt Aufmerksamkeit zu erzeugen, muss man möglichst immersive Inhalte schaffen – also Inhalte, die einen fesseln, tief emotional berühren, vereinnahmen. Ich vertrete in meinen Vorträgen und Workshops die Auffassung, dass man zunächst eine gut erzählte Geschichte braucht – das reicht häufig schon für Immersion – und dass man in der heutigen Medienwelt die Geschichte interaktiv erzählen muss, um Flow – Effekte (= immersion) zu erzeugen.

In dieser Keynote wird gezeigt, wie man aus einer dramatischen Geschichte und in virtueller Realität stattfindender Ganzkörperinteraktion extrem tief emotional berührend non fiktional erzählt.

Für wen:

  • Alle, die sich mit der Zukunft der Medien und des Journalismus beschäftigen wollen – aus inhaltlicher, technischer, kommerzieller oder ethisch/gesellschaftlicher Sicht.

Dabei fällt mir ein:

  • Alle Geschichten, die in dem Vortrag als Beispiele genannt sind, vereinnahmen mich emotional auch ohne virtuelle Realität. Den Verstärker der 3D Brille hätte ich nicht gebraucht.
  • Und diese 3D Welten sind an sich sehr vereinnahmend, wie ich vor ein paar Monaten am eigenen Leib erspüren konnte.
  • Es sind aber nicht nur die Bilder. Mindestens genauso wichtig ist die Audiospur in den Szenen, die die Immersion noch weiter verstärkt.
  • Diese kombinierte Tiefe aus dramatischer Geschichte und erschreckende Einbindung in das Geschehen sollte von einer ethischen Diskussion flankiert werden. Ich kann mir vorstellen, dass man davon mindestens Albträume bekommen. Auch als Erwachsener, erst recht als Jugendlicher.

4. Digitaler Journalismus – von Innovationsgeist zur Aufbruchstimmung.

Abstract:

Es werden die Ergebnisse zweier Studien vorgestellt, die das Selbstverständnis von digitalen Journalisten in Deutschland abbilden und wie viel Innovationsbereitschaft sie haben.
Erwartungsgemäß haben vor allem ältere Journalisten Schwierigkeiten, sich an die neue Arbeitswelt anzupassen.

Ergebnisse ab 08:00.

Für wen:

  • Medienwissenschaftler, die die Studie noch nicht kennen.
  • Journalisten auf der Suche nach Bestätigung, dass viele Kollegen ähnliche Probleme in Fragen der Innovation haben wie man selbst.

(nur Audio:)

Probleme mit der Session:

  • Für die Studien wurden Daten über zwei Jahre erhoben. In der digitalen Welt ist das bei den schnellen Innovationszyklen meiner Meinung nach viel zu lang.
  • Allgemein muss man sich fragen, warum eigentlich kaum jemand den Mediennutzer fragt, was er will, sondern nur die Medienmacher.

5. Öffentlich rechtliche Medien als digitales Paradies – Eine Halluzination

Abstract:

Eine Sammlung von Visionen, wie es dem Öffentlich-Rechtlichen … hm … Rundfunk ist falsch in diesem Zusammenhang … bleiben wir offen: wie es den Öffentlich – Rechtlichen Medien in Zukunft gelingen kann, auch weiterhin eine wesentliche Säule der aufgeklärten demokratischen Gesellschaft zu sein. Ein wesentlicher Faktor ist dabei, sich zum Teil aus dem alten, linearen Hörfunk- und Fernsehdenken zu verabschieden.
Viele Visionen mit einer angeregte Diskussion darum.

Für wen:

Jeder öffentlich-rechtliche Mitarbeiter, der für eine Zukunft seines Medium kämpfen will – der seine gesellschaftliche Aufgabe abseits des Denkens in Einschaltquoten ernst nimmt.

(nur Audio:)

Persönliche Einschätzung:
Es freut mich natürlich, dass sich die Denkweise über Medien, wie auch ich sie schon seit einiger Zeit propagiere, weiter durchsetzt. Weg vom Linearen, hin zum auf den Nutzer optimierten Medium. Deshalb ist „Radio“ oder „Fernsehen“ in diesem Zusammenhang auch die falsche Bezeichnung.

6. Self Exploitation on todays Internet

Abstract:

Justin Hall ist vermutlich die erste Internet-Personality. In einer Zeit, in der es weltweit vielleicht 1.000 Websites gab (etwa 1994) baute er eine Liste von Links zu seinen persönlichen Lieblingsseiten. Das brachte ihm viele Anfeindungen. Was Justin Hall daraus gelernt hat, erzählt er mit den Mitteln des Personal Storytellings.

Für wen:

  • Jemand, der lernen will, wie man eine On Air Personality wird
  • Moderatoren und On Air Personalities, die besser mit den täglichen, oft auch häufiger werdenden öffentlichen Anfeindungen besser klar kommen wollen

Persönliches Feeling:
Nebenbei ist der Vortrag dank der Nostalgie darin (ja, auch ich habe mit mit einem 16.000 baud Modem 1994 das erste mal in das Internet eingewählt) auch noch sehr unterhaltend.

7. Kognitive Dissonanz

Abstract:
Journalisten behaupten immer wieder gern, dass sie die Wahrheit abbilden würden. Vielen ist glücklicherweise bewusst, dass „Wahrheit“ etwas mit „Wahrnehmung“ zu tun hat. Und wie schwer es manchen Menschen fällt, von ihrer erlernten Wahrnehmung abzuweichen.

Gut für:

  • Journalisten, die sich auch mal auf philosophischem Niveau mit ihrer Arbeit beschäftigen wollen
  • Menschen, die Change-Prozesse in Unternehmen leiten sollen oder einleiten müssen
  • Medienwissenschaftler mit Schwerpunkt Medienwirkungsforschung

Was mir auch noch aufgefallen ist:

Bestes Zitat: „Dank des Internet sehen Menschenfreunde wie ich, wie viele Arschlöcher es wirklich gibt“.
Gute Unterhaltung, trockener Humor.