Neue Digitale Medienwelt

19. August 2016
nach Stefan Westphal
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Wie ideales Crossmedia Publishing funktioniert – die 16 Best Practice Beispiele 2016

Die Online News Association (ONA) – ein weltweiter Non-Profit Zusammenschluss von Online Journalisten – vergibt jährlich Preise für den besten Online Journalismus. Unter den Nominierten für 2016 sind auch einige Beispiele für innovatives crossmediales Storytelling im Journalismus. Hier sind die crossmedialen „state-of-the-art“ Projekte in der Übersicht. 

Die Art der Darstellung ist nur in wenigen Kategorien des Online Journalismus Preises ausschlaggebend für die Nominierung. Als  Vereinigung der Journalisten bewertet die Online News Association erst einmal gutes journalistisches Handwerk, und dabei vor allem die Recherche.

So schaffen es (gruselig) faszinierende Beispiele wie das der Baltimore Sun auf die Liste der Nominierten. Das Lokalmedium hat sich des blutigsten Monats in der Geschichte der Stadt angenommen. Im Juli 2015 sind dort auf offener Straße 45 Menschen ermordet worden. Die Journalisten haben die Geschichte jedes einzelnen Opfers recherchiert und veröffentlicht. So eine Story hätte in der Printausgabe kaum Platz, Online ist das möglich – auch wenn das Thema eher traditionell online umgesetzt ist (also: ohne große Interaktion und mit viel Text).

Ich habe allerdings auch eine Reihe von Beispielen gefunden, in denen die Journalisten (und vor allem auch Journalismus-Studenten) kompromisslos crossmedial und interaktiv erzählen. Dabei zeigt sich ein ganz großer Trend:

Virtual Reality und 360 Grad kommen

Nach den ersten Experimenten mit diesen neuen Darstellungsformen Anfang 2015 sind in den vergangenen Monaten einige beeindruckende Projekte hinzukommen, die das crossmediale Storytelling mit großen Schritten voranbringen.

Dahinter steckt der Gedanke des Immersive Journalism, also einer Form des Journalismus, die die Geschichte für den Nutzer erlebbar macht. Stichwort: Holodeck. Bei der re:public 2015 gab es den beeindruckenden Vortrag von James Pallot zum Thema. Nun sind einige beachtenswerte Stories in dieser Form veröffentlicht worden.

Mein Favorit in diesem Zusammenhang: 6X9 – A virtual experience of solitary confinement.
ONA16_TheCell

Das Projekt des sehr innovativen Digital Teams des Guardian sperrt den Nutzer in eine typische amerikanische Gefängniszelle. Die Geschichte selbst wird anhand von Interviews mit Gefängnisinsassen erzählt. Die Männer liefern die O-Töne zu ihren Empfindungen in der Zelle, der Nutzer erlebt das in einer virtuellen Welt.

Ich habe dieses Erlebnis keine fünf Minuten ausgehalten, danach war es purer Stress. Erst recht, wenn ich mir vorgestellt habe, in dieser Zelle Jahre zu verbringen, wie die interviewten Häftlinge. Der Effekt war da, obwohl die Umgebung eindeutig als virtuell erkennbar ist. Den ganzen Schrecken bekommt das Setting mit dem genialen Soundtrack (ja, Audio ist im VR ein wichtiges Medium, wenn es um Immersion geht).

Das Projekt des Guardian ist 2016 noch nicht massentauglich. Die Einstiegshürden sind zu hoch. Man muss eine App installieren, ein zusätzliches VR Abspielgeräte wie das Google Cardboard oder Gear VR nutzen. Aber es zeigt, wo die Zukunft hingehen kann, wenn VR Brillen (oder Kontaktlinsen oder was auch immer in den nächsten Jahren auf den Markt kommen wird) tagtägliche Massenware sein werden.

360 Grad Bilder oder Videos können eine ähnliche Wirkung wie dreidimensionale VR Umgebungen haben. Die Bilder sind dann echt. Man kann sich umsehen. In der Regel sind 360 Grad Videos jedoch (noch) zweidimensional.

Im Projekt Bridging Selma der Morgan State University School of Global Journalism and Communication und der West Virginia University Reed College of Media gehen die Studenten einen doppelten Weg.

ONA16_Bridging_Selma

Die Nachwuchsjournalisten erzählen Geschichten aus der Kleinstadt Selma in Alabama. Von dort aus entwickelte sich in den 1960er Jahren die US Bürgerrechtsbewegung. Als Nutzer kann man sich interaktiv durch die Stories aus der Gegenwart klicken, gleichzeitig bietet die Seite jedoch auch eine App, mit der man den 360 Grad Rundgang durch Selma machen kann.

Noch niedrigere Einstiegshürden in 360 Grad Storytelling bieten Return To Chernobyl des US Reportage TV Magazins Frontline, das Argentinische Projekt Asunción,

und das Projekt The Wait: Inside the Lives Of Asylum Seekers in Germany der angesehenen UC Berkley Graduated School Of Journalism in Kalifornien, die die Geschichten von Flüchtlingen in Deutschland erzählen:

ONA16_Berkley_Asylum

In allen drei Fällen setzten die Journalisten auf bereits vorhandene Abspielmöglichkeiten von 360 Grad – Welten. Am Beispiel Tschernobyl ist das der Facebook 360 Grad Player (der jedoch nur in den Facebook-Apps funktioniert), in den anderen Beispielen wird der Youtube 360 Grad Videoplaner genutzt, den man in den meisten Fällen von Hand zwischen einer VR Brillenfunktion und dem flachen Display umschalten kann.

Besonders im Beispiel Tschernobyl zeigt sich allerdings, wie die 360 Grad Welt von der eigentlichen Story unter Umständen ablenkt.

Positiv fällt der Kunstgriff bei Asunción auf. Dort werden in den Bereichen mit unwichtigen Bildinformationen im Stile der Augmented Reality Hintergrundinformationen per Text eingeblendet.

Im Beispiel der Geschichte über Flüchtlinge ist die 360 Grad Welt nur das Mittel, um den Nutzern ein tieferes Gefühl der deutschen Wirklichkeit zu geben (und dafür, dass Winter in Deutschland eher grau und trist sind … 🙂 …).

Scrollytelling und interaktiv 2.0, die neue Generation im crossmedialen Storytelling

Seit gut zwei Jahren sind Tools wie Pageflow für crossmediales Storytelling auf dem Markt. Sie erlauben den einfachen, barrierefreien Einsatz von verschiedenen Medienmodi auf einer Onlineseite. Der Nutzer kann also die Geschichte von oben nach unten durchschollen und bekommt dabei verschiedenste Medien (Bild, Audio, Video, Diagramme und – ja – auch Text) sofort angezeigt. Dieses Nutzungserlebnis wird vor allem im deutschsprachigen Raum „Scrollytelling“ genannt.

Die Form der Darstellung entwickelt sich weiter. Teils werden die Geschichten interaktiver, teils auch einfacher.

Ein Beispiel dafür, wie man mit sehr wenigen Worten einen ganzen Wahlkampf beschreiben kann, ist das Compare The Candidate des US Thinktanks Council on Foreign Relations, nominiert im Bereich „Planned News/ Events Small“.

ONA16_Compare_Candidates

 

Ein seriöser Vergleich der politischen Pläne von Hillary Clinton und Donald Trump ist aufwendig zu recherchieren, und die direkte Vergleichbarkeit eine große Transferleistung der Autoren. Die Arbeit hier steckt also im Hintergrund, die Darstellung selbst ist simpel und für jeden Nutzer leicht aufzunehmen. Das ist unspektakulär, aber nutzerorientiert, wie guter Onlinejournalismus 2016 sein sollte.

Buying Democracy des US Journalismus Startups Newsly setzt dazu im Vergleich in der Erzählung zur Wahlkampffinanzierung eher auf eine crossmediale Umsetzung. Das Ergebnis ist ebenfalls in Sachen Interaktivität auffallend gut.

ONA16_Buying_Democracy

 

Das St. Louis Public Radio zeigt mit dem Projekt Hear Ferguson, welche Tiefe eine crossmediale Story bekommen kann, wenn man sich an der Tonspur orientiert – wenn Audio das dominierende Medium ist. Man wird tief in die Geschichte hineingezogen:

ONA16 - One Year in Ferguson

Ähnlich fesselnd wirkt auch das Projekt Inheritance , eine weitere nominierte Story des (öffentlich finanzierten) Frontline TV Magazins in den USA. Auch hier ist die Audiospur dominierend, Interaktion und Visualisierung vertiefen die Wirkung der Geschichte des Protagonisten, der 27 Jahre nach dem Bombenanschlag auf das Flugzeug über dem schottischen Lockerbie das Gepäck seines Bruders (der bei dem Anschlag ums Leben kam) zum ersten mal öffnet:

ONA16_Lockerbie

Ein Beispiel, wie eine textdominierte crossmediale Reportage funktionieren kann, ist das Feature The County – the story of america’s deadliest police des Guardian US Digitalteams. Im kalifornischen County Kernt arbeitet die Polizei, die prozentual die meisten Menschen erschießt. Die crossmediale Aufarbeitung ist für textlästige Veröffentlichungen schon richtig gut.

ONA16_Guardian_deadliest_police

Das Scrollytelling, also das von oben nach unten Nutzen der Geschichte dominiert die Liste der für den Award nominierten Projekte. Mit einer Ausnahme, und die ist dann auch gleich für „excellent and innovative visual storytelling“ nominiert: Fatal Extraction: Australian Mining in Africa des Center for Public Integrity and the International Consortium of Investigative Journalists liest sich im Querformat mit „umblättern“ – die ideale Form für crossmediales Storytelling auf einem Tablet:

ONA16_Austalian_Mining

Datenjournalismus und interaktive Darstellungsformen im crossmedialen Umfeld

Das Erzählen von Geschichten anhand von Daten ist auch in diesem Jahr ein wichtiges Thema bei den Online Journalism Awards. Über das reine Zeigen oder Animieren von Diagrammen sind die besten Projekte inzwischen weit hinaus.

Der New York Times gelang es, Datenjournalismus und Gameification (also, spielerische Motivation) miteinander zu verbinden. In ihrem nominierten Projekt You Draw It: How Family Income Predicts Children’s College Chances soll der Nutzer seinen eigenes Diagramm malen, wie er die Abhängigkeit von Haushaltseinkommen und Collagezugang für Kinder dieser Haushalte einschätzt. Am Ende wird die Schätzung mit der Realität verglichen:

ONA16_NYTimes_Bildungsschancen

Auffallend ist auch die datenjournalistische Aufarbeitung des US Vorwahlen beim Guardian in den USA. Statt einfach nur die Ergebnisse zu zeigen lockern Comicfiguren die Seite mit Zitaten der Kandidaten auf:

ONA16_Guardian_Datajournalism

Nominiert für den besten Datenjournalismus des Jahres ist das Projekt der Tampa Bay Times über die schlechteste Grundschule für „non-whites“ in Florida. Die Geschichte wird ausschließlich mit Hilfe von beeindruckend animierten Diagrammen erzählt. Zahlen können also auch emotional sein:

ONA16i_nteractive_datajournalsm

Crossmediales Storytelling entwickelt sich rasant weiter

Wie die Liste der Nominierten für den Online Journalism Award 2016 zeigt, dominieren immer noch Umsetzungsformen der 1990er (langer Text und einzelne Bilder) den digitalen Journalismus.

Aber die Zahl der auffallend guten crossmedialen Umsetzungsformen selbst von Medien mit sehr kleinem Team und Budget macht deutlich, wie sehr besonders die US Journalisten dazu lernen. Das sollte auch ein Vorbild für deutsche Journalisten oder Marketingexperten sein. Denn die Botschaft lässt sich Online eben am besten mit Immersion erzählen – und die gibt es mit Interaktion, Audio, echter gelungener Dramaturgie und demnächst auch mit Virtual Reality und 360 Grad Video.

 

22. Dezember 2015
nach Stefan Westphal
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Nie wieder schlechte Musik – Songza startet heimlich in Deutschland

Update aus dem Februar 2016:

Die Integration von Songza in google music ist – zumindest ein Deutschland – ein wunderbares Beispiel dafür geworden, wie große Konzerne die Produkte von StartUps verenden lassen. Gab es bei Songza noch hand-ausgewählte Musik gegen Werbung, hat google in Deutschland diese Option aus dem Portfolio inzwischen gestrichen. Kann man im deutschen Rechtsraum vielleicht noch verstehen, zumal google und GEMA ja ohnehin ein gestresstes Verhältnis haben (kostenlos hätte teuer für google werden können…)

Aber die Inhalte – tja: dabei geht es zum einen um die Namen der Playlists, oder wie es jetzt heisst „Radiosender“. Die fantasievollen, teils lustigen Namen des Songza Teams (wie die legendäre Playlist „Drinking whiskey with a good friend“, die raue Americana Songs enthielt) sind emotionslosen, funktionalen Beschreibungen wie „Volle Konzentration“ gewichen.

Bei vielen Playlists scheint auch jemand  krampfhaft versucht zu haben, wenigstens 20 % deutsche oder deutschsprachige Songs unterzubringen. Da ist ja grundsätzlich nichts falsches dran. Wenn sich die Titel in der Kunst der ehemaligen Songza-Macher in den akkustischen Lauf integieren würden. Tun sie aber nicht. Diese eingedeutschten Playlists glänzen mit harten Brüchen, Strukturlosigkeit und Beliebigkeit.

Trotzdem: die Reste von Songza im google music Zusammenhang sind immer noch besser als alle algorithmisch zusammengewürfelten Playlists anderer Anbieter. Derzeit bietet google in Deutschland drei kostenlose Testmonate an (Stand: März 2016). Das kann man also ohne Risiko mal ausprobieren.

Damit wird leider auch der große Teil des Textes unten hinfällig. Falls ihn doch noch jemand lesen will. Bitte:

 

Seit dem Launch vor knapp drei Jahren hat sich das New Yorker Startup Songza zum echten disruptiven Startup in der nordamerikanischen Musiklandschaft entwickelt. Bisher brauchte man in Deutschland einen VPN-Tunnel, der dem Songza-Server vorgaukelte, man würde in den USA hören. Seit ein paar Tagen funktioniert Songza in Deutschland auch ohne diesen Trick – und zwar als Teil von Google Play Musik.

Songza wurde schon 2014 von google übernommen (für gerüchteweise 39 Millionen Dollar). Seit Anfang Dezember ist Songza nun offiziell Teil des gerade renovierten Musikdienstes von google. Der schöne Nebeneffekt dabei: die Songza-Funktionalitäten sind jetzt auch in Deutschland verfügbar, und zwar kostenlos (google Konto vorausgesetzt).

Die neuen Startseite von Google Play Musik, mit der Songza-typischen contextbasierten Musikauswahl.

Die neuen Startseite von Google Play Musik, mit der Songza-typischen contextbasierten Musikauswahl.

Was macht Songza so besonders

Der Erfolg in den USA und Kanada war überwältigend. Songza hat gemeinsam mit Pandora das Musik- und vor allem Radiogeschäft grundlegend verändert. Pandora ist eine Plattform, die mit einer Mischung aus menschlichem Verstand und Algorithmus eine personalisierte Musikplaylist erstellt. Eben nur Musik, die einem gefällt. Oder im Radiodeutsch ausgedrückt: Das Versprechen „Die beste Musik“ wird tatsächlich erfüllt.

Der Songza – Ansatz unterscheidet sich von Pandora zunächst einmal in der Aufbereitung der Musik. Es geht um die richtige Musik im richtigen Kontext. Also, die beste Musik zum Workout, zum konzentrierten Arbeiten, zum Kochen, zum Entspannen, oder auch die richtige Musik für die Weihnachtsparty.

Die Leistung: DJ Expertise vervielfachen

Die Songza – Gründer selbst sagen, die Zusammenstellung der Musik sei „100% robot free„. Musikexperten beraten in Teams, welcher Song in welche Klangwelten passt. Dass sie es geschafft haben, die typische DJ – Arbeit zu formalisieren und so auf Teams zu übertragen, dass das Bauchgefühl des einzelnen Musikexperten erhalten bleibt, ist das wahre Kapital von Songza. Und das macht diese Playlists so viel besser als die aller Mitbewerber (nur Pandora kommt dicht ran).

Eine Songza – Playlist ist konsistent, bleibt dem Wunsch des Nutzers nach Kontext treu, ist emotional zuverlässig (wo Musik zum Arbeiten draufsteht, ist auch nur Musik drin, die sich nicht in den Vordergrund des Bewusstseins drängt) und schlussendlich auch überraschend (serendipity-effect).

Werbefinanziert, ohne zu nerven

Natürlich will google mit Play Musik Geld verdienen. Derzeit wird der kostenlose Modus mit Werbeeinblendungen finanziert. So lange die jedoch aus den USA kommen, kann man als Deutscher beruhigt weiter hören. Die US Werbung klingt für uns wie eine kleine Moderation zwischen den Songs und kommt völlig ohne den deutschen „Carglas – wenn der Werbesong gleich noch mal kommt beiße ich ins Lenkrad“ – Effekt aus. So provoziert Audiowerbung nicht zum Abschalten.

Ein paar bestens handverlesene Playlists des Songza – Teams

  • Dieser Text entstand bei Left Brain, Right Beat – eine sehr gute Playlist, um sich nach Sonnenuntergang noch auf kreative Arbeit konzentrieren zu können.
  • Etwas entspannender ist das stilvolle Jazz for reading 
  • Durch den letzten Sommer hat mich das nach Gin Tonic am Pool klingende From South Beach to St. Tropez gebracht.
  • Und meine absolute Liebling Weihnachtsmusik Playlist 2015 ist Cosy Christmas Classic – die peinlichkeitsbefreite Musik für tiefe Gefühle unter dem Weihnachtsbaum.